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Jahresrückblick über Frauen und Mental Load

So euphorisch ich in diesem Jahr gestartet bin – Tagesmutter ab Januar (und somit die Möglichkeit, schon vor eigentlichem Kitabeginn beruflich durchzustarten), eine Vision vor Augen (Herzensbusiness!) – so ernüchtert blicke ich nun, am Ende dieses Jahres zurück. Es kam ALLES anders als geplant. Corona. Hat alles auf den Kopf gestellt. Das Patriarchat entblösst. Und noch deutlicher als zuvor unser wahres Ich gezeigt: Wir sind immer noch Aschenputtel in dieser Welt und quälen uns auf der Sonnenseite des Lebens. In beschissen schönen Glaspumps

1. Eigenheim- (Zum) Glück allein!

Das Jahr begann tatsächlich unverhofft grandOS, nämlich damit, dass wir unser Traumhaus fanden. Jahrelanges Warten, Hoffen, Besichtigen, und Enttäuscht „Nö…“-Sagen hatte doch tatsächlich ein ENDE gehabt! Bis dahin allerdings war es eine Zitterpartie. Das Angebot im Postfach gegen 20 Uhr. Das Überlegen, wann der richtige Zeitpunkt wäre, um Interesse zu bekunden (weil Maklerbüro, abends, ist bestimmt zu, liest die Mail eh erst am Morgen…). Halbe Stunde später die Einsicht: JETZT, der beste Zeitpunkt ist JETZT, sonst… Dann zwei endlose Tage Warten auf Antwort, Gespräche auf Anrufbeantworter (die ich hasse…) und Warten. Dann der erhoffte Rückruf. „Sorry, wir mussten die Anzeige rausnehmen, da wir in nur 4 Stunden über 80 Anfragen bekommen haben. Sie waren unter den ersten 10. Wann wollen Sie besichtigen?“ Dann das Haus und ich, hach, wir waren uns auf Anhieb sympatisch – Balkon, Garten und erst diese LAGE! Nur eine halbe Stunde nach der Besichtigung riefen wir dem Makler ins Telefon ganz laut „HABENWILL!“ und tadaaa! Auch die Eigentümerin fand uns sympathisch, denn sie hat sich für uns entschieden. „Wir möchten, dass eine Familie hier wohnt“, sagte sie, nun denn, wir waren eine- und das wohl sehr überzeugend 😀 Dann hieß es nur noch Warten, bis zum Sommer. Auf unsere Schlüssel. Und aufs Alleinsein…

Nun sind wir angekommen. Und eine lange Odyssee ging damit zu Ende. Und damit eine aufregende Zeit, in der ich ein paar Jahre lang eine Fernehe führte, lange im Elternhaus lebte (länger als geplant), zum Schluss zusammenrückte, als auch die andere Schwester mit ihrer Familie unterm Elterndach landete, wir zu ölft das Haus – eine Küche und ein Esstisch teilten – hautnah unser Freud und Leid erlebten, den ersten Lockdown meisterten, und viele viele Learnings über uns und unsere Rabaukenkids (meiner 2, ihre 3 Jahre alt) mitnahmen…

Daher waren wir schon sehr sehr froh, als es hieß: Unser Haus! Es hat uns gefunden 😀

2. Frau Sein im 21. Jahrhundert oder: Aschenputtel lässt grüßen.

Apropos Rabaukenkids. Thema CorOna, LockdOwn, geschlossene Kitas und Schulen. Lässt es vielleicht schon erahnen: Anstrengend war’s. Schon kurz nach dem ersten Lockdown wurde es so glasklar wie Aschenputtels zerbrechlicher Schuh:

Als Frau im 21. Jahrhundert. Hast. Du. Noch immer. Die A…karte! Du hast diesen tollen, schnieken, gläsernen Schuh ergattert, ja klar, er ist wunderschön und du bist ein Augenschmaus für jede:n auf der Party. Du bist emanzipiert. Du arbeitest. Verdienst deine eigenen Brötchen. Bist deine eigene Chefin. Oder sogar Chefin in eines superduper Unternehmens.

Doch um Mitternacht sollst du bitte schön wieder daheim sein. Den Haushalt schmeißen. Die Kids caren. Denn da verwandelt sich dein ganzer Prunk in olles Gemüs‘ und Getier‘ und der Schuh verpufft, so schön er auch war, wie eine Seifenblase. Puff!

Denn was passierte, als der Lockdown verhängt wurde? Als alle Schulen und Kitas dicht machten? Als es hieß: „Ach ja, da war doch was mit der Schulpflicht…na dann machen die einfach Homeschooling“?

Und die Kitakids? Ach, die kriegt man doch locker nebenher beschäftigt! Wem wurden diese Aufgaben aufgebürdet? Den Frauen. Natürlich! Wir Aschenputtel durften zusehen, wie wir nun unsere ach so tolle durch Emanzipation und Feminismus hart erkämpften Jobs so geregelt bekommen, dass wir nebenher auch noch zusätzlich Hausaufgaben betreuen und ein Beschäftigungsprogramm für die Kleinsten aus dem Ärmel schütteln. Und natürlich weiterhin kochen, putzen, arbeiten und dennoch auf uns achten, uns nicht gehen lassen. Und sexy aussehen. In den beschissen unbequemen gläsernen Pumps.

Zugegeben. Ich bin noch „glimpflich“ davon gekommen. Da in Elternzeit. Und „arbeite ja nicht“. Ich musste ja „nur“ mein zukünftiges Business auf Eis legen, das ja „sowieso“ noch nicht auf den Beinen steht. Dennoch bin ICH genauso betroffen. Mental Load wurde auch dieses Jahr ganz besonders oft diskutiert. Und das nicht umsonst, denn diverse Statistiken haben es bestätigt: Noch immer übernehmen zum Großteil wir Frauen die Kindsbetreuung, auch in diesem Sch***-Corona-Lockdown-Jahr (Kann man(n) z.B. hier nachlesen.) und zwingen sie somit zurück in traditionelle Rollen.

Unzählige Emotionen suchten mich heim. Ich fühl(t)e

  • Mitleid: Mit vielen berufstätigen Frauen, viele davon in Vollzeit, viele davon alleinerziehend(!), viele mit den Nerven am Ende.
  • Entsetzen: Wie inkompetent, ignorant, fahrlässig die Regierung mit dem Thema umging. Ich meine, wie lange hat sie einfach mal NIX unternommen, bis irgendwann mal, ganz leise und kaum groß disktuiert, erste zaghafte Vorschläge und Ideen kamen? Wären die Männer betroffen gewesen, wäre der Aufschrei ganz schnell ganz groß gewesen. Ganz sicher.
  • Wut: Dass lange Zeit gar nichts, absolut gar keine verlässlichen Aussagen und keine Lösungen präsentiert wurden – weder für die Schulkinder noch für die Mütter
  • Female Power: Ja, ich muss das mal als ein neues Gefühl kreieren aber auch das war sehr präsent in 2020. Die vielen sehr empowernden, Hoffnung gebenden, Zuversicht verbreitenden Frauenstimmen im Worldwideweb, die mir zeigten, nein, ich bin nicht alleine, die sich so fühlt, und ja, Feminismus ist kein alter Hut. Denn wir sind noch so so so weit davon entfernt, von Gleichberechtigung zu sprechen. Aber dazu muss ich mehr ausholen, daher kriegt das Thema einen eigenen Abschnitt.

Mit einem ironischen, ach was, zynischem Lächeln erinnere ich mich an die Zeit, als ich damals als Studentin noch meinte „Quotenfrauen auf Führungsebenen? Das brauchen wir nicht! Wir sind doch gleichberechtigt!“ Und wie wir sie brauchen!

Und das ist meine größte Erkenntnis: Feminismus ist weiterhin wichtig. Ist nötig. Patriarchale Strukturen sind noch an der Tagesordnung. Strukturelle Diskriminierung kein Einzelfall. Leider.

3. Warum Work-Life-Balance nix für Hochseiltänzerinnen ist

Womit wir beim Thema Vereinbarkeit wären. Genauer bei der Vereinbarkeit von Familie und BerUf. Genauer von FraU- und- MUtter-Sein-und-sich-beruflich-verwirklichen-WOllen.

Geplant war eigentlich, dieses Jahr die Elternzeit hinter mir zu lassen und mit Elan ins Berufsleben zu starten. Genauer: In mein Herzensbusiness. Bereits im Dezember 2019 scharrte ich voller Vorfreude mit den Hufen, als ich nämlich schon da eine Tagesmutter fand. Die mir für ein paar Stunden in der Woche den Rücken frei halten würde. Und ich schon früher als geplant wieder arbeiten konnte.

Dann kam alles anders. Und wieder hieß es Warten auf den Herbst und auf den Kitastart. Als die Eingewöhnung wie geplant begann, floßen Tränen. Bei meinem Sohn, selbstverständlich wegen der Trennung. Und bei mir. Wegen der Trennung. Ja. Aber auch: Tränen der Erleichterung.

Ganz ehrlich: Homeschooling ging uns ziemlich an die Substanz. Da sitzt ein Schulkind mit einem Stapel an ausgedruckten Arbeitsblättern, die er nun möglichst in Eigenregie erarbeiten soll, weil die Mutter nebenan ein Kleinkind bespasst (oder zwei von der Sorte argwöhnisch beaufsichtigt, wenn meine Nichte zum Spielen kam. Denn wir waren ja ein Haushalt mit 11 Personen zu dem Zeitpunkt und die beiden waren, nun ja, sie konnten nicht ohne einander, aber auch nicht miteinander…). Das war mein LIFE. Und dann wollte ich ja auch noch unbedingt an meinem Herzensprojekt arbeiten. Irgendwie. Das war mein WORK. Beide versuchte ich in BALANCE zu halten. Wie so eine Hochseiltänzerin über den herabstürzenden Bach des Lebens erfolgreich herüberschreiten. Mit diesen Gewichten.

Nur lag ich mit diesem inneren Bild vor Augen komplett falsch. Eine Hochseiltänzerin sollte ich nicht als Vorbild haben.

Work-Life-BALANCE heißt nicht, dass ich überall gleich viel Aufmerksamkeit, Fokus, Herzblut, Schweiss und Tränen reinstecken muss. Heißt nicht, dass ich überall 100% geben muss. Wie denn auch? Geht ja nicht. Denn ich hab ja nur insgesamt 100% – für ALLES. Und muss daher aufteilen.

Also wechselte ich mein inneres Bild. Und bin jetzt Jongleuse.

Ich teile meine Energie nicht überall gleichmäßig auf. Sondern verteile sie so, wie es sich gut für mich anfühlt. In meinem Fall heißt es: Aktuell steht der Wiedereintritt ins Berufsleben an oberster Stelle. Dicht gefolgt von bewusster gemeinsamer Zeit mit meinen Kids. Heißt wiederum: Andere Sachen werden vernachlässigt (Me-Time, Hausrenovierung, Haushalt, We-Time…). Für eine bestimmte Zeit, versteht sich. Bis das Ziel so weit erreicht ist, dass ich das Gefühl habe, ich kann hier wieder loslassen und dem anderen mehr Raum und Fokus schaffen. Die Ziele sind nicht gleich gewichtet. Die Jonglierbälle sind nicht gleich groß und gleich schwer, sondern variieren. Die Kunst ist, diese dennoch alle in der Luft zu jonglieren.

Ps:

Das Ende der Geschichte: Wir, mein Schulkind und ich, waren mit den Nerven am Ende und heilfroh als die Schule wieder begonnen hatte. Und auch der Kleinste ist nach der Eingewöhnungszeit sehr gerne in die Kita. Und nachmittags waren wir alle tiefenentspannt und vergnügt, weil jeder bekommen hatte, was er wollte. Spiel, Spass, Freunde und ich meine Zeit fürs Business. Was für ein (kurzer) Spass!

4. Female Power oder: R.I.P. patriarchales Mutterbild!

Aber auch das habe ich in diesem Jahr erkannt: Ich bin eine miserable Mutter. Zumindest eine miserable perfekte Patriarchats-Mutter, deren Lebenssinn darin besteht, ihren Kindern täglich ein preisverdächtiges Bento-Brotdosen-Inhalt zu kreieren.

Doch der Göttin sei Dank! Ein Blick in meine Social Media Bubble – und mein Puls entspannte sich, denn dort fand ich Gleichgesinnte: Ich bin damit nicht allein! Ich bin nicht die einzige, bastelfaule, ab-und-zu-ausrastende Mutter-Frau, die neben Kindern auch noch andere Wünsche hat – und sie auch noch eisern verfolgt.

Eines aber war zwischen mir und den anderen Frauen zunächst anders. Nämlich: Sie hatten sich von diesem idealisierten Mutterbild (das uns lange Zeit als „war schon immer so gewesen“ verkauft wurde und einfach nicht stimmte, wie ich bereits hier schrieb) verabschiedet. Diesen Prozess musste ich dieses Jahr erst noch durchgehen. Und es war eine düstere, schmerzvolle Zeit.

Abstillen. War hart. Mein Ursprungsziel, nach einem Jahr damit langsam zu beginnen, sodass ich nach 1,5 Jahren wieder die alleinige Frau..in (?) über meinen Körper sein kann hat sich enooooooooooooooooorm verlängert. Versuche. Rückschläge. Von beiden Seiten. Tränen. Auf beiden Seiten. Immer wieder nahm ich Anlauf. Immer wieder meldete sich die „perfekte Patriarchats-Mutter“ und fragte empört, ob ich denn alle Tassen im Schrank hätte, dass ich meinem Kind die Brust – die er doch so! dringend! benötige! – verweigere. (Einmal kam sie sogar in Gestalt meines Vaters, der zum ersten Mal selbst Zeuge davon wurde, wie sein Enkelkind „abgewöhnt“ wird und mir das Abstillen „verbot“. „Vielleicht geben wir ihm einfach ein Beruhigungszäpfchen…?“) Und so gab ich schlechten Gewissens nach. Immer wieder. Die „Matriarchats-Mutter“ wedelte dabei immer ungeduldig und genervt mit meinem Herzensbusiness in der Aktentasche vor meinen Augen.

Homeschooling und Kitaschließung. War ebenfalls hart. Da schoß die „perfekte Patriarchats-Mutter“ ebenfalls quer, erhob den Zeigefinger, ermahnte mich, die Zeit mit meinen Kindern ja zu genießen und meine beruflichen Ambitionen ja zu vernachlässigen.

Diesen beiden Mütterbildern entgegenzutreten und Rechenschaft abzulegen war anstrengend. War ein Kampf.

Bis eine von ihnen gewann.

Und das nicht ohne die Hilfe meiner Female Tribe, die ich im WorldWideWeb kennen lernen durfte. Aus der großen Community stelle ich hier zwei stellvertretend vor:

Danke an Theresa Brücker für Artikel wie diese, in denen sie fragt, ob es radikal sei, Männer in Elternzeit zu schicken, alle Care-Arbeit selbst zu erledigen oder sich den Mental Load zu teilen. Ich hoffe wirklich, dass sie auch von Männern und solchen, die es werden wollen gelesen, und auch richtig verstanden werden….

Danke an Alexandra Zykunov für ihre herrfraulichen Rants auf ihrem Instagram-Account zu klischeehaften Rollenbildern und Mental Load. Die sind so herrlich wütend, aber immer so schön on pOint, dass frau einfach zustimmen muss. Und auch hier hoffe ich inständig, dass auch Männer sie lesen. Denn was bringt es uns Frauen, dass wir um die Missstände wissen, wenn unsere Partner davon nichts wissen?

5. Fazit: Was war denn jetzt eigentlich „gut“ in diesem Jahr?

War da also noch was? Ach ja, was eigentlich „gut“ war. Hab ich vor lauter Mental Load und Work-Life-Disbalance beinahe wieder vergessen, das wichtigste zu tun. Zu refraimen.

Denn es ist und bleibt Realität: So wie du die Welt ansiehst, wird sie weinen oder lachen.

Die Einstellung ist es, die dir dein Leben in helleren oder in düsteren Farben färbt.

Und so lernte ich, alles was kommt, auch im positiven Licht zu sehen. So zum Beispiel, dass wir unser Eigenheim fanden, das ist ein sehr großes To Do gewesen, das wir endlich in 2020 abhacken konnten. Oder dass ich bereits erste Aufträge in meinem neuen Business hatte (die zwar wegen Corona abgesagt werden mussten, aber hey, immerhin hatte ich Interessenten für mein Business!). Oder dass ich mich weiter entwickelt habe, alte Denkstrukturen einreißen und neue etablieren durfte. Daher war auch vieles, für mich, in diesem doch schon sehr seltsamen Jahr, gut.

Doch die Sache mit der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern lässt mich nicht los. Es ist und bleibt ein Jammertheater. Die Gleichberechtigung. Die einfach keine ist.

Was ist mit dir, Frau und Mutter? Wie hast du das Jahr erlebt? Was hast du für dich Wissenswertes mitgenommen? Und: Wenn du in 2020 keine Feministin geworden bist, dann erzähle mir, warum eigentlich nicht?

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