gestrandet…

wir schreiben ende august 2016. die sonne traut sich wieder raus und scheint und verwandelt deutschland in ein urlabsreifes wunderbares sonne-sommer-sonnenschein-land.

ich liege auf der wiese im garten. hinter mir liegen nervenaufreibende wochen, in denen sowohl meine gedanken als auch gefühle es sich auf einer achterbahn gemütlich gemacht haben – und gar nicht daran denken, endlich mal auszusteigen.

ich blicke zurück auf ein leben aus gepackten umzugskisten, nächtigen auf kaputten luftmatratzen oder auf fremden sofas, bangen und hoffen um wohnungszusagen, dann wiederum schlaflose nächte und blank liegende nerven wegen diverser gedankenkarrussels über die zukunftsvarianten (jap, plural!), die mir und meiner familie bevorstehen könnten. und deren richtung ich aufgrund meiner entscheidungen maßgeblich (!) bestimme.

nun liege ich da, die beine ausgestreckt, auf der wiese unterm kirschbaum. die sonne versucht sich an meiner allzublassen haut – schließlich war an urlaub dieses jahr nicht zu denken (all inclusive mitsamt cocktailbar im pool? mitnichten! es gab den baggersee). ob sich noch so etwas wie ein sommerliches teint abzeichnet, wage ich zu bezweifeln, aber wie immer, die hoffnung stirbt zuletzt.

die sonne scheint, die grillen grillen, die raupen fallen von bäumen. ich atme tief ein und tief aus. der körper liegt still. im kopf hingegen herrscht das absolute chaos. die gedankenmonster, sind laut und schrill, wie die marktschreier versuchen sie, sich gegenseitig zu übertönen.

denn ich liege nicht in meinem garten. die umzugskartons stehen noch immer voll gepackt und bis an die decke gestapelt, im hotel mama. wie mahnmale, um uns zu erinnern, dass diese reise noch längst nicht zu ende ist.

ich bin in der provinz gestrandet. zusammen mit meinem sohn sollen wir uns nun hier, in meiner heimatstadt, in elterns haus, fürs erste einrichten. die wohnungssuche in münchen, die muss ich jetzt aufgeben. wenns nach meinem mann ginge, dann sind die würfel schon viel früher gefallen. wegen der deadline. denn die schule fängt bald an. zum ersten mal in unserem leben spielt es für uns eine rolle – unser sohn kommt dieses jahr in die 1. klasse. und das schon in 3 wochen. ich kann also nicht mehr suchen. es ist viel zu knapp.

wir haben keine wohnung in aussicht. ein angebot steht noch offen, doch auch diese wohnung hat massive nachteile. sie ist zu weit weg von der schule. andere wohnungen, die jetzt noch ausgeschrieben werden, sind erst nach dem schulbeginn bezugsfertig.

 

meine gedankendämonen fühlen sich pudelwohl

ich denke also: nun gut, ok. ist wohl schicksal. dann ist es eben entschieden. wir bleiben hier. das suchen hat ein ende. ich kann mich zurücklehnen, die seele baumeln lassen, hotel mama schmeißt mich, uns, so schnell nicht raus. ein leben auf dem land ist für ein kleinkind sowieso viel besser als in der großstadt, denke ich. der ganze stress, die automassen, die menschenmassen, die ewig langen wege von a nach b, ob im auto oder mit der bahn. ist alles passé. dann bleiben wir eben hier. eine art erleichterung macht sich breit. 

alsbald wird sie und das schöne landlust-bild von düsteren gedanken verdrängt. sie verdunkeln die sonne, dass ich ihre wärme kaum noch spüre:

habe ich etwa aufgegeben? womöglich zu früh? es gibt ja solche geschichten von leuten, denen das glück kurz vor schluss in den schoss fällt. und warum? sie sind dran geblieben, haben nicht aufgegeben, haben verbissen gekämpft. gebe ich also zu früh auf?

was richtet dieses familienmodell mit meiner familie an? schadet es dem kind, der seinen vater nur am wochenende sieht? schadet es meiner beziehung? leben wir uns auseinander?

und welche beruflichen chancen habe ich mit meinem abschluss hier auf dem land? ich, ethnologin, entweder unter prekären lebensverhältnissen lebend oder mit befristeten verträgen „gesegnet“? in der großstadt eine passende anstellung zu finden wäre gar kein problem. zumindest habe ich mir schon desöfteren die hände gerieben und mich bereits darauf gefreut, überaus motivierte bewerbungen in die große weite münchner welt hinauszusenden. auf dem land hingegen sieht es eher mau aus. es sei denn ich will elektroinstallateur werden… panik macht sich breit: was mache ich bloss hier???

dann vielleicht doch den großstadtstress in kauf nehmen? immerhin ist ein leben in der großstadt auch mit kindern möglich. zumindest sind auch die spielplätze münchens proppenvoll von ihnen und die schulen können sich nicht über zuwenig schüler beklagen.

dann nimmt der drang, wieder immobilienseiten zu durchforsten, überhand. ich schreibe wieder mails an vermieter, meistens sind es aber immobilienmenschen. ich versuche, indem ich unsere herzzerreissende geschichte („wir sind eine familie aus mainz, mit schulpflichtigem kind, die DRINGEND eine wohnung in münchen suchen“) ausbreite, einen immobilienmenschen mitten ins herz zu treffen.

vergeblich. alle wohnungen wurden uns bislang abgesagt. ausnahmslos. „wir haben uns für jemand anderen entschieden“. begründung? fehlanzeige.

wut und hilflosigkeit richten sich in meinem herzen und im kopf ein. wieder denke ich: verdammte axt, ich muss mich doch endlich entscheiden. ich muss doch noch das mäppchen fürs kind nähen, die schultüte basteln, sie mit geschenken befüllen. mich einfach mit meinem sohn auf seinen ersten schultag vorfreuen! aber dann sind mein sohn und ich hier, und mein mann und sein vater so weit weg. ein wochenendvater, der das erste schuljahr seines sohnes nur aus erzählungen mitkriegt.

 

der traum ist ein traum ist ein traum….

und dann erscheint vor meinem geistigen auge meine traumvorstellung vom perfekten familienleben: wir liegen alle in unserem garten, die beine ausgestreckt und lassen uns die sonne auf die bäuche scheinen. wir lachen, wir quatschen, wir sind zusammen.

die realität ist aber: ich bin hier. der mann weit weg. apathisch strecke ich die füsse aus. „so muss es wohl jetzt sein“, denke ich. nicht aber ohne eine leise hämische stimme im hintergrund, die flüstert: „jetzt gibst du ja doch auf.“

„höre auf dein herz“, sagen sie immer, diese superschlauen motivationsratgeber. doch was, wenn man die stimme nicht erkennt. wann spricht das herz, wann der kopf? wie unterscheidet man sie? darauf geben dies super-in-sich-ruhenden buddha-gurus dieser welt keine antwort.

ich drehe mich auf den rücken und schaue in den klaren himmel.  der körper ist ganz still. und in mir toben die gedankendämonen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.