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belOng to yourself

Anfang des Jahres saß ich an meinem Schreibtisch und plante mein Leben. Zumindest das folgende Jahr davon. Was will ich in diesem Jahr gerne erreichen? Für welches Ziel am Ende des Jahres mir stolz auf die Schulter klopfen? Und während ich eifrig Pläne schmiedete, ging das Leben seiner Wege. Und Gott* lachte sich ins Fäustchen.

Jetzt, im November sitze ich am Schreibtisch (na gut, im Bett neben dem schlafenden Kind). Noch zwei Monate bis zum Jahresende, noch zwei Monate bis zur Deadline meiner Projekte. Ich lasse das Jahr Revue passieren. Und muss abwechselnd lachen und weinen.

Wenn man die Sprache des Universums vergisst…

Das Universum und ich hatten vor ein paar Jahren endlich einen gemeinsame Sprache gefunden. Viele Mammut-Projekte habe ich erreicht. Aber dieses Jahr ist der Wurm drin. Das Universum und ich – wir haben uns voneinander entfernt, wir haben keinen so guten Draht zueinander.

Irgendwie klappt(e) es nicht mit uns. So viele Ziele scheinen noch ewig weit entfernt, gingen schief, sodass ich manchmal nur noch die Augen schließen wollte, Finger in die Ohren, und ganz laut „Lalalaaaaaaa“ summend mich einem Derwisch-Tänzer gleich im Kreis drehen, bis mein Baustellenleben sich in wunderschönes Wunderland verwandelt.

…und die Gesellschaft sagt

Da stehst du nun, schaust auf deine Baustellen, dir ist nach Weinen zumute – und was macht die Gesellschaft? Sie sagt: Tja pfff, selber schuld, würd ich mal sagen.

DU willst ja alles so zappenduster sehen. DU erwartest zu viel vom Leben und wirst daher enttäuscht. Erwarte nix! Mach! DU bist dir deines eigenen Glückes Schmied. Und wenn du machst und tust und es dennoch nicht klappt, dann hast DU dich nicht gut genug angestrengt. Und wenn du dich traurig, verzweifelt, enttäuscht fühlst, dann ist auch das DEINE persönliche Entscheidung, dich so zu fühlen. DU willst ja die Welt so sehen. DU allein bist für dein Leben und deine Gefühle dabei verantwortlich. Denn das Universum liebt dich ja, voll und ganz, uneingeschränkt und immer. Es hat nichts gegen dich, warum auch? Du musst nur wählen, wie DU sein willst und was du erreichen willst und es wird schon kommen, du wirst sehen…du, du, allein DU!

Ein Recht auf Mimimi!

Ja, ich stimme Allem zu. Das tue ich, über diese Art zu denken habe ich oft gesprochen, geschrieben und darüber werde ich auch in Zukunft weiter schreiben. Weil ich daran glaube, dass da eine ordentliche Portion Wahrheit dahinter steckt.

Es ist aber auch eine ziemlich radikale Einstellung und auch eine ziemlich radikale Forderung, vom Leben, von den Außenstehenden, von deinen Liebsten, ja auch von deinem Partner nichts zu erwarten und alles, was dir im Leben Negatives widerfährt gut zu finden oder zumindest „etwas Positives“ daraus zu ziehen: Eine Lehre, eine Erkenntnis, ein neues „Oha, wieder was gelernt!“

Und es ist auch eine ziemlich radikale (tja, was eigentlich: Wahrheit?) Forderung an den Menschen, sich immer und jederzeit dessen bewusst zu sein: Du bist allein. Alles, was dir in deinem Leben widerfährt, beziehungsweise wie du dich dabei fühlst, wie du darüber denkst, wie es dir dabei geht, hängt einzig und allein von deiner Einstellung ab. Es ist einzig und allein deine Entscheidung, ob du deine Lebenssituation positiv oder negativ bewertest.

Aber manchmal ist es dennoch schön, und vielleicht sogar notwendig, einfach mal diese Contenance fallen zu lassen. Denn mal im Ernst: Fühlt es sich nicht befreiend an, einfach mal auch nicht alles Blöde wegzulächeln und eine Lehre zu ziehen, und mit seinen Makeln und missglückten Projekten auch mal zu hadern? Ist es nicht ein schönes Gefühl, sich einfach mal völlig erschöpft an die Schulter des Partners zu lehnen und zu sagen: „Ich kann grad nicht mehr, kannst du mich bitte mal ganz doll festhalten?“

Willkommen in der „Hall of Fail“!

Manchmal sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht. Manchmal hat man sich in einer Situation verfahren, die Gedanken kreisen und kommen nicht weiter. Kommunikation, finde ich, hilft schon enorm. Denn hast du ein Problem beschrieben oder ausgesprochen, hast du ihm eine Form gegeben, und kannst es nun auch von außen betrachten. Denn nun hast du Abstand gewonnen. Nun können sich Blockaden lösen und womöglich ein neuer Blickwinkel, eine neue Perspektive kommen und schwups, schimmert ein Licht am Ende des Tunnels. Problem gelöst.

Goethe sagte mal: „Das Wort in die Stille tragen und fortgeben, damit alles wieder möglich wird.“ Daran denke ich, als kommunikativer Mensch ganz oft und glaube sogar auch noch an diese Wirkung 🙂

Und daher kommen hier meine 9 größten Niederlagen dieses Jahres:

1. Adé Teilzeit-Windelfrei und Töpfchen-Training!

Ich wollte mein zweites Kind mit Stoffwindeln großziehen und mit 1 Jahr trocken bekommen. Ein tollkühnes Ziel, dass schon viele vor mir vorgemacht und auch durchgezogen haben. Nur bei mir ging’s, buchstäblich, in die Hose. Nach 10 Monaten erfolgreicher Töpfchenzeit fuhren wir in den Urlaub. Dort benutzte ich normale Wegwerfwindeln. Mit dem Ergebnis: Der junge Mann hat sich seither nie mehr an die Funktion des Töpfchens erinnert, und weigert sich bis heute, sich nochmals darauf zu setzen.

2. Adé Stoffwindeln!

Stoffwindeln sind jetzt auch, nach über einem Jahr Benutzung, Geschichte. Weil der junge Mann es nicht ausstehen kann, gewickelt zu werden und sich so vehement wehrt, dass ich ihn eigentlich nur noch wickeln kann, wenn er bei mir auf dem Schoss sitzt. Mit dem Stoffwindelsystem allerdings, das ich ausgewählt habe, ist Windelwechseln im Sitzen ein Ding der Unmöglichkeit.

3. Adé Abstillen!

„Mit 16 Monaten ist er abgestillt!“ schrieb ich mir bei der Geburt meines zweiten Sohnes auf die Fahnen. Ich bin der Meinung, ein Jahr des Stillens nach Bedarf ist absolut wichtig und richtig. Das habe ich sehr gerne gemacht und es mit Liebe und Hingabe gemacht. Ich finde aber auch, dass es danach langsam Zeit wird, wieder die Autonomie über seinen Körper zurückzubekommen. Naja, soweit der Plan. Fakt ist, das Baby, das mittlerweile ein quirliges, alles essendes Kleinkind ist, bedient sich auch heute noch nach Lust und Laune. Wir sind also noch nicht bereit. Also ich noch nicht.

4. Adé vorweihnachtlicher Bikini-Körper!

Jeden Monat ein paar Fettzellen in pure Energie transformieren. Sport machen, bewusster ernähren, Zucker weglassen, und und und. Nach 11 Monaten haben sich nur ein paar müde Fettzellen verabschiedet, der Rest blieb hartnäckig an Ort und Stelle. Natürlich weiß ich, woran es liegt. Ich stehe mir selbst im Weg, und sabotiere mich. Ich weiß das alles. Und dennoch will ich das einfach, nach einem erneuten Rückschlag, weil ich mal wieder schwach geworden war, mal doof finden dürfen. Wenigstens jetzt, im NOvember. Es ist zum Himmelschreien doof!

5. Adé selbstgeschriebener Roman!

Bis Ende des Jahres steht mein Rohtext! Hatte am Anfang des Jahres eine glorreiche Buchidee und setzte mich sofort dran, um der Geschichte Form zu geben. Las Bücher und Blogs zu Themen Kreatives Schreiben, entwickelte Figuren und spürte, wie mich das begeisterte. Ich erschaffe Universen! Für mich als Journalistin absolutes Neuland. Im Juni dann die bittere Einsicht: Es ist zu viel. Viel zu viele Projekte auf meiner Agenda und viel zu wenig Zeit für alles. Und so wanderte mein Buchprojekt auf Eis. Dort ruht sie nun, meine tolle von Greta Thunberg inspirierte Geschichte über Umwelt, Menschen und eine bittere Rache … wird ein Bestseller auf jeden Fall. :p

6. Adé Business-Launch!

Das ist mein absolutes Herzensprojekt. Meine seelische Heimat. Und meine Goldgrube. Mein interkulturelles Seminar-Projekt. Als mich damals für die Ausbildung zur interkulturellen Trainerin entschied und entsprechend Informationen im Netz suchte, wurde ich Feuer und Flamme.

Der Bedarf an interkulturellen Trainings ist vorhanden, das Bewusstsein dafür ist sogar noch nicht wirklich vorhanden. Viel Arbeit also, aber auch so viel Potential! Für mich klingt das Coaching als DIE Gelegenheit, Arbeit und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Also schrieb ich Konzepte, sammelte Material, definierte die Zielgruppe. Der Plan war, ein Onlinekurs dazu zu konzipieren. Und das in meiner Elternzeit. Die Rechnung habe ich allerdings ohne mein Kind, ohne meinen Mann und ohne mein ausgeprägtes Mama-Ego gemacht. Mit dem Ergebnis, dass das Seminar zwar schon steht, auf Papier, aber noch viele Schritte unternommen werden müssen, bis es (online) gelauncht werden kann.

7. Adé Flohmarktkisten!

Minimalismus ist das Ziel, weniger ist mehr mein tägliches Mantra. Und eine besagte Entrümpelungs-Regel lautet ja, Dinge, die man mindestens ein halbes Jahr nicht benutzt hatte, ruhigen Gewissens zu entsorgen. Also durchstöberte ich meine Kleidungskartons und fand tatsächlich jede Menge Zeuch, von dem ich mich mittlerweile trennen konnte und wollte.

Ich stellte die Sachen auf verschiedenste Verkaufsplattformen, baute sogar ein provisorisches Second-Hand-Shop auf. Aber nichts geschah. Die Leute kauften nicht. Die Leute wollte nicht einmal die Sachen geschenkt haben. Mir blieb nichts anderes übrig als zu spenden. Sehr gerne hätte ich allerdings einmal einen richtigen Flohmarkt-Stand gemacht, für die Sachen, die mir noch immer zu schade für den Container sind. Dies allerdings habe ich in diesem Jahr nicht mehr geschafft und warte auf die neue Saison. Und bis dahin stehen die Kisten im Weg. Und erinnern mich an meine Niederlage.

8. Adé Eigenheim!

Vor drei Jahren kehrte ich zurück nach Coburg. Anfangs alleine mit Sohn, da mein Mann noch beruflich in München war. Seit ca. 1,5 Jahren sind wir wieder glücklich unter einem Dach vereint. Allerdings nicht unter unserem eigenen. Wir wohnen im Elternhaus. Wir suchen ein Eigenheim. „Bis Ende des Jahres sind wir spätestens raus!“ hieß mein Schlachtruf. Nun ist Ende des Jahres. Ein Haus ist nicht in Sicht. Zumindest in unserem Preissegment nicht. Dafür bekommen wir folgende Angebote: Haus, renovierungsbedürftig, Kredit für 30 Jahre. Yeah…nee, doch nicht. Die Suche geht weiter.

„Entschuldigung, ähm, was hast du denn überhaupt geschafft?“

Puh, ein lange, niederschmetternde Liste, wenn ich mir das so ansehe.

Es ist schwer, sich in unserer Gesellschaft Niederlagen einzugestehen. Wir definieren uns viel zu sehr über unsere Arbeit. Auch ich bin nicht gefeit davon und ertappe mich immer wieder dabei, dass ich genau das tue – meinen Selbstwert daraus ziehen, was ich denn sonst so „geleistet“ habe in meinem Leben außer Kinder großzuziehen.

Aber genau das habe ich in diesem Jahr intensivst gemacht: Ich habe „nur“ meine Kinder großgezogen.

Ich habe „nur“ mein 1,5- jähriges Kind großgezogen. Ich habe ihn gestillt, habe ihn umsorgt, habe mit ihm gespielt, bin mit ihm spazieren gegangen, habe ihm Spielgelegenheiten geboten und Möglichkeiten, sich mit Gleichaltrigen zu treffen. Ich habe ihn getragen, geschaukelt, getadelt, getröstet, geküsst, gestreichelt, von Herzen geliebt. Ich habe ihm Windeln gewechselt, mit ihm gegluckst, gekichert, und Quatsch gemacht. Ich habe ihm Essen zubereitet, ihn in den Schlaf gestillt, ihn beim Schlafen bewacht, aufgepasst, dass er beim Welterkunden nicht hinfällt, sich verletzt, keine Spielsachen den Kindern auf den Kopf schmeißt, nicht stürzt, sich nicht verschluckt, lernt, mit Löffel und Gabel zu essen, aus einem Glas zu trinken, und auch mal ohne Brust einzuschlafen. Und noch so vieles mehr.

Ich habe „nur“ meinen großen Sohn großgezogen. Ich habe ihn zum Sport kutschiert, ich habe seiner Geigenlehrerin Kaffee und Kekse serviert. Ich habe Geburtstagsgeschenke besorgt, ihn zu Freunden gefahren, ihn mit Freunden bei uns zu Hause versorgt, an Elternabenden teilgenommen, mit ihm die Bücherei durchstöbert, ihm vorgelesen, ihn vorlesen lassen. Ich habe ihm bei Hausaufgaben geholfen, ihm selbst Hausaufgaben erstellt, ihn abgefragt, ihn ermuntert, auch mal was Neues auszuprobieren. Ich habe mit ihm gespielt, gekuschelt, geknuddelt, ihn in meinem viel zu kleinen Bett zusammen mit dem kleinen Mann schlafen lassen, ihn von Herzen geliebt. Und noch vieles mehr!

Und genau hier liegt das Problem: Kinder großzuziehen ist eine enorme Leistung, die diese Gesellschaft nicht zu würdigen weiß. Es ist „nur“ Kinder großziehen.

Und wir Frauen, die wir noch ganz am Anfang unserer beruflichen Laufbahn stehen, glauben das auch und versuchen verzweifelt, uns zu zerreissen zwischen diesen beiden Extremen, wo doch bereits schon dieser eine Bereich unsere ganze Zeit und Aufmerksamkeit und Herzblut erfordert. Wir tun es, weil der Anspruch der Gesellschaft uns das glauben macht: Du bist nur etwas wert, wenn du etwas für die Gesellschaft leistest. Es zählt nur deine wirtschaftliche Arbeitsleistung. Es zählt das Geld, das du für den Arbeitgeber erwirtschaftest. Mutter sein ist keine Leistung, denken viele in der Gesellschaft, wir selbst und leider auch viele Partner.

9 Fails und dennoch frohgemut? Ja, denn ich scheitere gescheit!

Im NOvember kann ich es zugeben: Dieses Jahr war ich ziemlich erfolgreich. Erfolgreich im Scheitern. Dennoch suhle ich mich nicht im Selbstmitleid und nassgeheulten Taschentüchern.

Und darin liegt die Kunst, gescheit zu scheitern:

>> Nimm deine Niederlagen nicht allzu ernst. Am Besten mit einer ordentlichen Portion Humor! Ja, sie sind da, sie tun vielleicht auch weh. Aber sie haben vielleicht einen größeren Sinn, indem sie dir aufzeigen, dass es noch etwas zu tun, zu lernen gibt, bevor aus ihnen Erfolge werden.

>> Traue dich, auch mal über sie zu sprechen. Und nicht erst im Nachhinein, wie das gerne beim Storytelling gemacht wird. Sondern währenddessen! Denn es ist so – mal haben wir Erfolge, mal Niederlagen. Sie gehören dazu. Wichtig ist, wie Du damit umgehst. Ob du daran zerbrichst, oder dich noch mehr angespornt fühlst, weiter zu machen. Und vielleicht kommt durch das darüber Sprechen ja genau dieser eine Geistesblitz, der dir fehlte, um deine Niederlage in einen Erfolg zu transformieren.

>> Denke daran: Du bist nicht deine Niederlage(n)! Du bist viel mehr. Es ist vielleicht einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt erreicht und du wirst anderswo mehr gebraucht.

Ich habe gelernt, mich nicht „nur“ über diese Art von Leistung zu definieren. Ich bin viel mehr als die Summe dieser (zugegebenermaßen langen) Liste von Niederlagen. Meine positiven Gedanken und Gefühle kommen aus meiner anderen, am Ende des Lebens sogar viel wichtigeren Quelle. Ich bin jetzt eine liebende und fürsorgliche Mutter. Ich bin zuerst für meine Kinder da, für meinen Mann, für meine Familie. Die Gesellschaft muss sich hinten anstellen. Und auf meine Expertise noch ein wenig warten.

Bis zum Jahresende sind es ja noch ein paar Wochen hin. Wer weiß, vielleicht finde ich ja noch den Draht zum Universum wieder. Bis dahin kuschele ich mit meinen Kindern, mit meinem Mann, und genieße das Zusammensein in meiner Familie.

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