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belOng to yourself

Es ist früh am Morgen. Der Babymann hat mich trotz mäßig durchschlafener Nacht in aller Herrgottsfrühe geweckt und während ich noch die Augen reibe, hat er das Bett bereits verlassen und flitzt quietschvergnügt aus dem Zimmer raus. „Baba-Deda!“* brabbelt er und watschelt schnurstracks zur Treppe. Ich komme kaum hinterher. Oben angekommen, blicke ich verschlafen aus dem Fenster, während der Enkel seine frühmorgendlichen Liebkosungen von den Großeltern abholt. Der Garten ist nass. Ist verregnet. Kurz blitzt das schwarze Fell eines Eichhörnchens im Laub. Jup, denke ich, der Herbst ist da.

Je nachdem, ab wann man zählt, hat der Herbst ja bereits am 01. oder am 23. September begonnen. Bei mir jedenfalls ist das herbstliche Gefühl erst jetzt, wo das Wetter mich konstant mit verregneter und grauer Miene mürrisch begrüßt, und ich abends nicht mehr ohne meinen Pulli auf dem Sofa sitzen mag, so richtig angekommen.

Dabei bannen sich die ersten Herbstgefühle in letzten Jahren meist am Flughafen an, immer dann, wenn ich – frisch aus dem Urlaub zurück – den deutschen Boden betrete.

Denn dann offenbart sich mir stets derselbe Anblick: Es ist zappenduster. Der Himmel ist bewölkt. Es regnet. Die Menschen tragen dicke, warme Jacken. Die Menschen sehen mürrisch drein. Der Himmel, die Erde, die Häuser, die Menschen – allen schreit’s aus allen Poren: Es ist Herbst! Viele Leute beginnen dann, ebenfalls pünktlich zum Herbstbeginn, zu mosern und zu lamentieren. Und sich den Sommer zurück zu wünschen.

Ein Teil von mir kann sie verstehen. Und dennoch frage ich mich: Wozu das Gemeckere? Wozu eure wertvolle Energie darauf verschwenden, dem Sommer hinterher zu trauern, denn ich spoilere zwar ungern aber – er kommt wieder. Jetzt ist es aber an der Zeit, einer anderen Jahreszeit den Vorzug zu lassen, denn jede Jahreszeit hat in der Natur ihren Platz und ihre Funktion zu erfüllen.

Der Tee steht duftend in meinem Zimmer, während ich meinen Kleiderschrank von Sommer auf Winter umstelle. Als ich meine Pullis und Hosen rauskrame, fällt mein Blick auf meine Strickkiste und da wird es mir so richtig bewusst: Jawohl, ich freue mich auf den Herbst. Endlich hat man wieder Zeit, für all die schönen Dinge, die man eben nicht im Sommer machen kann.

Zeit, Winterklamotten zu entmotten!

Endlich ist es wieder an der Zeit, die warmen Sachen auszupacken. Die Pullis, die Mützen und die dicken Socken erst, awww! Denn der Moment, wenn du voller Gänsehaut dir deinen Lieblingspulli überstreifst, diese wohlig kuschelige Wärme – es gibt kein schöneres Gefühl.

Zeit, aus Suppen und Eintöpfen zu schöpfen!

Neulich beim Einkauf hab ich sie bereits gesehen – Hokkaido, my love!Meine Lieblingskürbisse sind da. Die Kürbis-Cremesuppen-Saison kann also beginnen. Suppen und Eintöpfe gehören nun wirklich nicht auf den Speiseplan des Sommers. Dafür jetzt, wo es so kalt, nass und regnerisch ist, und man halb durchgefroren nach Hause eilt, freut sich der Körper auf Wärme. Von außen wie von innen. Da meine älteren Männer keine Suppenfans sind, versuche ich, ihnen die heiß machende, flüssige Nahrung in Form von Cremesuppen schmackhaft zu machen. Immerhin, diese werden von Zeit zu Zeit angenommen. Die Rezepte dafür hole ich mir meist von der leckeren Seite mit dem Namen lecker.de. Und was soll ich sagen: Der Name ist dort Programm! Mittlerweile habe ich (fast) alle meine Kochbücher in offene Bibliotheken abgegeben, da ich fast ausschließlich nur noch auf dieser Seite fündig werde. Bei den Eintöpfen allerdings stoße ich bei den Herren noch auf wenig Gegenliebe. Da übe ich noch. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Zeit, die Badewanne zu bemannen!

Die Badewanne genießt im Sommer die Sommerpause, meistens zumindest. Doch jetzt freue ich mich richtig, wieder, die kalten Tage mit einem schönen heißen Bad zu beenden. Kopfkino gefälligst? Du lässt das heiße Wasser ein, das Kerzenlicht flackert und malt geheimnisvolle Welten an die Wände. Ein wohliger Lavendelduft breitet sich vom Schaumbad aus. Du legst dich rein, schließt die Augen. Dein Körper entspannt sich – und nach und nach bemerkst du, wie die (Alltags-)Sorgen, seifenblasengleich, wegploppen. Plopp, und weg, plopp,…

Zeit zum Stricken und Flicken!

Es ist schon wie ein Ritual: Sobald der Sommerurlaub zu Ende geht und das erste kühle Lüftchen weht, packe ich meine Stricksachen-Box aus und setze mir das Ziel, bis Weihnachten etwas Groß(artig)es zu stricken. Zwar sind die Wünsche mit den Jahren immer bescheidener geworden – ich werde einfach nie fertig, weil ich mich schon davor verzählt habe, falsche oder zu wenig Wolle gekauft habe, oder die richtige Stricknadelgröße fehlt oder, oder, oder. Aber eigentlich geht es mir wohl nicht um das Ziel, sondern um die Tätigkeit an sich. Es ist einfach nur schön, abends auf dem Sofa zu sitzen, der Ehemann spielt mit dem Großen, wir unterhalten uns und nebenbei stricke ich an meinem Projekt. Wie Meditation. Mit der Zeit gesellte sich auch der Sohnemann hinzu und strickte oder häkelte einfach mit. Dieses Jahr werde ich wahrscheinlich aussetzen müssen, und mit Babymann spielen, aber ein ganz klein wenig Hoffnung gibt es noch, dass vielleicht ein paar Mützen und Schals bis unter den Weihnachtsbaum schaffen. Eine wundervoll inspirierende Seite mit vielen schönen (und kostenlosen!) Anleitungen ist übrigens Drops Design. Eine Mütze des Sohnemanns himmele ich bis heute noch an, obwohl er schon längst rausgewachsen ist. Dafür wächst jetzt der Kleine hinein. Hach…

Zeit für viiieeel heißen Tee

Wer mich kennt, weiß: Ich bin ein Kaffeemensch. Kaffee trinke ich zu allen, Tages- und Jahreszeiten, Kaffee trinke ich zu allen Lebens- und Stimmungslagen. Mit Tee habt ihr bei mir keinen Erfolg. Bis der Herbst kommt. Wenn ich also meine Teesammlung heraushole, dann könnt ihr euch sicher seit: Mit dem Sommer ist es wirklich nun vorbei. Tees sind für mich ein typisches Zweite-Jahreshälfte-Getränk. Erst wenn’s kühler wird, bekomme ich Lust auf Tee in all ihren zahlreichen Varianten. Und je kälter die Tage, umso mehr Tee will ich in mich hineinkippen, umso mehr mich vom köstlichen Nass umhüllen lassen…

Erstaunlicherweise hat das Universum mir tatsächlich zugehört und mich bei meinem letzten Spaziergang in meiner Heimatstadt Coburg zu einem neuen Laden geführt, von dessen Existenz in noch gar nichts wusste. Bella Decor heißt er, darin, eine breite Auswahl an Tassen, Kannen und verschiedensten Teeservices mit unterschiedlichsten Farben, Styles und Motiven. Und dann hing sie da – mein wahr gewordener Traum: Meine Tasse mit knapp einem Liter Volumenumfang! Auch die Motive waren ganz nach meinem Geschmack – blumig, farbenfroh, verspielt. Wenn ihr in der Gegend seid, geht da rein und lasst euch entzücken, denn entzückt werdet ihr sein, das auf jeden Fall. Ich für meinen Fall war dann dennoch ein wenig perplex, denn obwohl ich nicht suchte, hat sie mich gefunden, meine Tasse. Was mich erneut daran erinnerte: Seid vorsichtig, mit dem, was ihr euch wünscht. Es könnte in Erfüllung gehen..

Der Sommer ruft: Nicht denken, machen!

Im Sommer pulsiert das Leben. Es herrscht ein Leben des Draußen. Man will das schöne Wetter „ausnutzen“: viel draußen sein, Sonne tanken, Vitamin D fürs Kind, Freunde treffen am Baggersee, Picknicken. Hier ist ein Mittelalterfest, dort ein Hüpfburg-Festival. Du musst alles sehen, überall dabei sein, du willst bloß nix verpassen! Mit der Folge, dass vieles daheim liegen bleibt. Sei es materielles Zeug: Zeug, das aufgeräumt, sortiert, entsorgt oder sonst-wie behandelt werden will. Wolltest du nicht Fotos sortieren, Kleider ausmisten, Sperrmüll rausstellen oder mal so richtig das Haus auf Hochglanz putzen? Doch dann kommt eine SMS: „Hey, wir fahren in einer Stunde zum See. Pack deine Kids ein und komm mit!“

Du blickst nach draußen – und ja, die Sonne scheint, es ist unerträglich heiß. Du denkst an Abkühlung, du denkst an den Spass, den die Kinder haben werden – und eh du dich versiehst, stopfst du schon Liegetücher und Badehosen ein und düst zum Baggersee. Aber auch Zeit für immaterielle Dinge, wie etwa um in sich zu kehren, und um nachzudenken, dafür findet man im Sommer kaum einen richtigen Zeitpunkt. Umso entspannender, diesem Zwang, ständig etwas unternehmen zu müssen, etwas entfliehen zu können. „Du, liebend gern… aber draußen ist heut‘ so schlechtes Wetter…“

Ich liebe den Sommer mit all seinen lebhaften Facetten, mit der enormen Energie, die ich in dieser heißen Jahreszeit verspüre. Doch Sommer als Dauerzustand – ist auf Dauer kein Zustand. Und ist er nicht gerade deswegen so wertvoll, weil wir wissen, dass er bald vorbei geht?

Du bist willkommen, Herbst!

Im Herbst bin ich traditionell nachdenklich. Es ist die Zeit, in der ein wenig Ruhe vor Ausflügen einkehrt. Die Kinder sind nun öfters zu Hause. Und langweilen sich – nur, um im nächsten Augenblick einer tollen Spielidee nachzujagen.

Ich blicke an meinem kuscheligen Lieblingspulli herab, stecke meine Füße in die Socken und unter die Decke. Nehme einen Schluck heißen Tee. Die Wärme durchströmt meinen Körper. Ich blicke entspannt aus dem Fenster auf den Garten. Ein Eichhörnchen pirscht sich gerade an eine Walnuss heran. „Herbstlich willkommen!“ rufe ich und muss dann doch ein wenig lächeln. Nein, der Herbst, der darf ruhig kommen. Und eine Weile bleiben.

*: Baba-Deda sind russische Bezeichnungen für Oma-Opa.

P.S.: Post enthält Werbung.

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