home office und multitasking – eine gratwanderung zwischen himmel und hölle

ich arbeite als journalistin. und das ist mein absoluter traumberuf. interessante geschichten zu finden, darüber zu schreiben und die menschen zum interessiert sein, zum schmunzeln oder zum nachdenken zu bringen – das reizt mich an diesem beruf. abgesehen davon, dass mich der prozess des schreibens selbst in einen flOw versetzt und ich mich in einem wundersamen zustand der trance fühle…

ich tue es als freelancer. das heißt, ich bin meine eigene herrin, suche mir meine auftraggeber selbst aus, wir gehen eine liasion ein – meine worte gegen ihr cash. den auftraggeber kenne ich meist nur aus e-mail und telefonaten. mein arbeitsort ist nicht seiner. 

wenn das thema gefunden ist und die deadline rot im kalender markiert ist, dann beginnt für mich die haupt-arbeit. ich recherchiere, ich trage recherchiertes zusammen, ich schreibe.

in der regel tue ich (fast) alles von zu hause aus. ich habe kein büro. ich arbeite vom heimischen (küchen-)tisch aus. my kitchen is my (home-office-)castle.

 

home-office – ein traum! …?

so im home-office zu arbeiten klingt doch traumhaft, denkt ihr euch jetzt. du bist deines eigenen arbeitsrhythmus schmiedin. kannst, wenn du willst direkt nach dem aufwachen (und wann das ist, sei dir selbst überlassen. vorausgesetzt du bist single und kinderlos) mit der arbeit beginnen. im bett. nackt. und dafür den nachmittag, den abend oder auch die komplette nacht bis in die frühen morgenstunden durcharbeiten – wenn dich der flOw gepackt hat.

nun, meine realität sieht etwas anders aus. mit kind und ehegatte habe ich nur eine gewisse zeit für mich alleine zur verfügung, in der ich ungestört arbeiten kann.

nichtsdestotrotz glaubte ich zu beginn meiner selbstständigkeit: home-office ist die lösung! optimal! arbeit und familie unter einem dach – wo sonst könnte mensch so eine work-life-balance praktizieren?

 

my kitchen is my office – bitte nicht!

nach dem ersten jahr als home-office-worker ist der wunsch nach einer räumlichen work-life-trennung gestiegen. 

warum? ich erzähle es euch.

beim schreiben ist es nämlich so: während der erste teil der journalistischen arbeit sich draußen abspielt – recherchieren, interviewpartner suchen, rausgehen, sie treffen und befragen etc. – wird der rest am schreibtisch erledigt. laptop auf, gehirn an, schreibmodus.

meistens sitze ich in der küche, am küchentisch. außerhalb der koch-ess-zeiten ist das hier mein thinktank (denkfabrik). am küchentisch? ich tue es bestimmt nicht, weil ich mir nichts besseres vorstellen kann, als mir zwischen mixer, kochtopf und brotkrümeln gedanken zu machen über den sinn des lebens, burnout, flüchtlinge oder wie wir verdammt nochmal aus dieser eine enkelfreundlichere welt gestalten können. in einem loft zu leben und zu arbeiten, mit einem eigenen arbeitszimmer(!), ist derzeit noch ein traum.

 

die traumwohnung ist ein schloss

 

da ich allerdings nicht so pingelig bin, was sitzpositionen angeht, kann es auch mal passieren, dass ich im schneidersitz auf dem sofa in der ecke lümmelnd arbeite.

und da zeichnet sich das problem langsam ab:

offenbar sehe ich dabei nicht sehr, nun ja – „arbeitend“ aus.

ich meine – ich sitze am laptop. mal hier, mal da. schaue hypnotisiert auf den bildschirm. neues dokument auf. und mit im gepäck – faceboook, twitter, instagram …

 

das kleine abc(urdium) des freien (journalistischen) schaffens

kennt ihr das, wenn ihr euch mit einem thema intensiv beschäftigt und dieses möglichst schÖn in einen text verpacken wollt – sich dann eine konzentration über euch gelegt hat, wie aschewolken und und wie ihr dann alles um euch herum vergesst…und dann bäm!werdet ihr mit einem „kannst du kurz die wäsche machen? ich muss lOs“ von der seite angequatscht. der arbeitsflow – futsch. die konzentration – hinüber. die schönen wort-/satz-/gedankenfetzen – vom winde verweht.

ich meine, ich kann es ja auch irgendwie verstehen. wenn man so leger da herumsitzt, in den laptop versunken vor sich hin tippt – dann sieht es halt einfach nicht nach „ernster“ arbeit aus. dann denkt sich ein_e außenstehende_r „ach ich kann die locker mal was fragen/erzählen. ist ja nur kurz“.

also reden meine lieben drauflos – und schütteln dann den kopf, wenn ich mich später an das gesagte nicht (mehr) erinnere. inklusive spekulationen, ob es denn gesund sei, so ganz abwesend, so ganz und gar nicht bei der sache zu sein…

in diesen momenten ist mir nach die wände hochgehen und nach explodieren zumute. dann ist mir nach ganz laut werden und deutlich zu brüllen: ich arbeite! und ihr habt einfach keine ahnung, wie dieser beruf, ach was, das ganze dasein als freiberufliche_r journalist_in ausschaut.

 

texte schreiben: ist arbeit

wenn ich ein artikel schreibe – dann bin ich konzentriert. ich bin gerade dabei, erlebtes, gehörtes und gelesenes in einen text zu gießen. alle meine gedanken, und meine sinne, sind darauf fokussiert. alles andere nehme ich nicht (richtig) wahr. und wenn ich da sitze und das tue, dann bin ich nicht ansprechbar!

dann will ich nicht alltagsanekdoten von tante irma hören, smalltalken oder überlegen, ob ich mal kurz die einkaufstüten ausleeren helfe…

 

in dieser zeit bin ich auch nicht multitaskingfähig!

wer hat überhaupt diesen diese mär vom „multitaskingfähig“ in die welt gesetzt?

auch wenn es schön wäre, gleichzeitig mehrere aufgaben zu erledigen, hat die wissenschaft studien vorgelegt, die diesen mythos als das entlarven, was es ist – nämlich ein mythos!

so schreibt die zeit-autorin tina groll in ihrem artikel:„multitasking soll die effizienz und produktivität steigern, tatsächlich führt die gleichzeitige arbeit an mehreren aufgaben jedoch zu einem erheblichen konzentrations- und leistungsverlust.“

die wissenschaftler_innen haben studien durchgeführt, in denen menschen gleichzeitig telefonieren und autofahren sollten. ergebnis: ihre leistung sank um 40%. was stieg, waren die stress-werte.

bei einer studie mit begabten und hochbegabten harvard-studenten sank deren gedächtnisleistung auf das niveau von achtjährigen.

fazit: „das gehirn kann sich nur auf eine, maximal zwei komplexe tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren.“

i am not a robot! ich bin kein computer. auch wenn uns das immer wieder seitens der arbeits-welt nahegelegt wird.

 

ich arbeite!

 

und auch die mär, dass multitasking bei den frauen schon in die gene gelegt wurde, ist wissenschaftlich nicht haltbar. zumindest hing das ergebnis, so die „bild der wissenschaft“-autorin nora schlüter, von der art der aufgaben ab.

also: mit einer hand im topf rühren, während auf dem anderen arm das kind plärrt und nebenher mit mutter telefonieren – wenn das das multitasking-talent ausmacht, dann ja, dann bin ich multitaskingfähig.

aber kreativ produktiv zu sein, texte zu schreiben, die gut nachvollziehbar aufgebaut, klar strukturiert und keine logischen brüche aufweisen sollen, die auch noch informativ, anschaulich und unterhaltsam sein sollen – das ist höchst konzentrierte kopfarbeit. in dieser zeit sind ablenkungen unerwünscht.

 

auch social media ist – ihr werdet es kaum glauben – arbeit

ein anderer weit verbreiteter vorwurf, den ich mir oft anhören muss, ist: „du chattest ja nur!“ passiert immer dann, wenn neben meinem textdokument noch andere seiten offen gesichtet werden habe, e-mail, facebook und co.

doch auch das ist arbeit, leutz.

das zauberwort lautet: „netzwerken“.

viel blabla ist sometimes f*ing anstrengend

 

 

das tut mensch heutzutage, denn ein freier journalist ist, so die fachliteratur, ein „unternehmer“. das was er anbietet – seine artikel – sind „produkte“. und als solche benötigen sie öffentlichkeit. orte, an denen journalisten auf sich und ihre arbeit aufmerksam machen können, sind in der tat soziale plattformen. 

das gefällt nicht jeder_m, und auch ich muss mich noch manchmal überwinden, und meine kompetenzen proaktiv nach außen zu kommunizieren. aber es gehört zum job, wie es die profis auf dem gebiet hier oder hier auch sagen.

 

ja, es ist schwer, abzuschalten

wenn mensch keine festen arbeitszeiten hat, sondern diesen einen artikel, diese deadline, die wie ein damoklesschwert über dir hängt, dann gibt es auch keinen feierabend. und zwar solange nicht, bis der text fertig geschrieben, hochgeladen und abgesendet ist.

für mich bedeutet das, dass ich auch noch nach 16 uhr, und auch am wochenende, mit den gedanken bei meiner arbeit bin. das ist ein in der tat ein problem, da es nicht nur mich, sondern auch meine soziale umwelt betrifft.

ich liebe diesen job, ich liebe ihn so sehr, dass ich ihn gar nicht als solchen empfinde. dennoch arbeite ich daran, abzuschalten. für meine lieben. 

 

headless mum, sometimes :)

 

familie & friends: habt ein herz für home-office-journalisten, bitte

mittlerweile bin ich mir sicher: eine trennung zwischen home und office muss her, ein loft…ihr wisst bescheid, ja? 😉

und solange ich darauf warte, versuche ich, meine arbeitszeiten einzuhalten, oder notfalls rauszugehen – café, bibliothek, leerstehende wohnungen von freunden.

wahrscheinlich habt ihr es gemerkt – mir gehen die vorwürfe, denen ich immer wieder ausgesetzt bin, ziemlich auf den keks.

all diese vorurteile –

„du surfst nur“ (korrektur: recherchiere, lasse mich inspirieren, netzwerke),

„du redest ja nur über deine arbeit“ (korrektur: ich arbeite an meiner reputation/reichweite und „netzwerke“

und „das habe ich dir doch letztens erzählt, warum erinnerst du dich nicht daran?“ (hinweis: lies den blogpost nochmal)

– nerven, machen mich wütend, sauer – und müde.

damit aus blabla mal geld wird

nochmals: meine arbeit besteht nun mal daraus, am laptop zu sitzen, und ja, auch zu chatten, zu twittern und postings zu schreiben gehören heutzutage zu vielen freelance-aufgaben, insbesondere bei journalisten, dazu.

es ist arbeit. obwohl zugegeben: die verschmelzung von privatem und beruflichem ist groß, aber ist es nicht das, wohin wir alle streben: das zu lieben, was wir arbeiten?

ich finde freelance-arbeit noch immer wunderbar. nur das mit dem home-office ist derzeit keine gute option. vielleicht ändert sich das ja mit einem umzug und einem eigenen arbeitszimmer. aber noch ist es nicht soweit. und bis dahin bitte: wenn ihr seht, dass mein küchentisch unter bergen von büchern und zeitschriften und notizen verschwunden ist und ich mittendrin in die tastatur tippe oder konzentriert auf den bildschirm starre – dann habt verständnis, sprecht mich nur an, wenn ihr seht, ich bin auch bei euch. dann haben wir alle was davon.

herzlichst, eure julia

 

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