ICH bin ein WIR

 

Ellenbogengesellschaft hin, hedonistische Individualisten her – das Leben, das wir heute führen, empfinden immer mehr Menschen als ein einsames Unterfangen. Wir leben, um zu arbeiten – Burnout lässt grüßen. Wir konsumieren ohne nachzudenken – Umweltzerstörung und so manch ein Menschenleben sind die Folge.

„Nichts scheint heute dringender geboten als ein neues Bewusstsein für das rechte Maß – und das in allen Lebensbereichen. Allem voran jedoch in der Wirtschaft und bei der Arbeit“ sagt Christoph Quarch, Philosoph und Gründer der Zeitschrift „Wir – Menschen im Wandel“.

Er hat meine absolute Zustimmung. Von der Notwendigkeit eines neuen WIR-Bewusstseins bin ich überzeugt und freute mich umso mehr, dass ich Herrn Quarch persönlich treffen konnte und mit ihm über das Magazin, das seit April im FORUM Nachhaltig Wirtschaften erscheint, zu sprechen.

Dieses Interview erschien in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Wir – Menschen im Wandel“, das als Heft im Heft von „Forum Nachhaltig Wirtschaften“ vierteljährlich erscheinen wird.

 

„Was wir brauchen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution in den Köpfen, vor allem aber in den Herzen der Menschen“

 

Was den Menschen heute am meisten fehlt, sind Visionen – etwas, das sie begeistert und ihnen Sinn gibt. Der Philosoph und Buchautor Christoph Quarch hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, von inspirierenden Menschen, Ideen und Projekten zu erzählen. Aus diesem Impuls gründete er vor drei Jahren die Zeitschrift „Wir – Menschen im Wandel“, die fortan unter dem Dach von „forum Nachhaltig Wirtschaften“ erscheinen wird – ein Projekt, für das er sich selbst begeistert, weil er sich davon verspricht, Verantwortungsträger und Führungskräfte auf zukunftsweisende Gedanken zu bringen.

 

 

WIR: Herr Quarch, Sie haben Philosophie und Religionswissenschaften studiert, arbeiten als freier Philosoph. Aber Sie sind auch als Journalist und Publizist tätig und haben vor ein paar Jahren mit Kollegen das Magazin „Wir-Menschen im Wandel“ gegründet. Was treibt einen Philosophen zu so einem Projekt?

Christoph Quarch: Ich habe einige Jahre als Redakteur und später Chefredakteur in der kirchennahen Presse gearbeitet. Damit ist mir wiederholt aufgestoßen, dass der Journalismus in Deutschland von einem ideologischen und moralischen Geist geprägt ist, der seine Freude daran hat, Dinge und Menschen in die Kritik zu nehmen. Mir gefiel das nicht. Mich bewegte die Idee, ein Blatt zu machen, das anders ist: das Menschen ermutigt, das sie begeistert und beflügelt, das ihnen Lust auf die Zukunft macht; ein Blatt, das von Projekten und Menschen berichtet, die Vorbildcharakter haben.

 

WIR: Was verbirgt sich hinter der Überschrift „Wir – Menschen im Wandel“?

Quarch: Das WIR-Magazin ist eine Plattform, ein Sammelbecken für Menschen mit Visionen: Menschen, die etwas in dieser Welt bewegen wollen und auch schon bewegt haben, die aber oft gar nichts voneinander wissen. Mein Eindruck war immer, dass unsere Gesellschaft einer Gebirgslandschaft ähnelt, in der hoch oben viele kreative Quellen sprudeln. Sie neben einander her fließen, ohne sich zu einem großen Strom – zum Mainstream – zu vereinen. Die Idee hinter WIR ist, solche kreativen Impulse aufzugreifen und zusammenzuführen.

 

WIR: Warum brauchen solche Visionäre?

Quarch: Weil die Welt, in der wir leben an einigen Pathologien leidet. Der vorherrschende globale Ökonomismus ist nach meinem Dafürhalten in eine Richtung entwickelt worden, die sich gegen die Lebendigkeit kehrt, so dass er die Menschen um ihr Leben betrügt, ja sogar das Leben auf dem Planeten gefährdet. Wir haben nach wie vor ein unglaubliches soziales Ungleichgewicht auf Erden, wir haben ökologische Krisen, die ihresgleichen suchen. Gleichzeitig sehe ich, dass der gegenwärtigen Politik und Wirtschaft nicht allein die Mittel, sondern vor allem die geistigen Voraussetzungen fehlen, um diesen Krisen auch nur angemessen begegnen zu können.

 

WIR: Worin sehen Sie den Ausweg für die gegenwärtige Situation?

Quarch: Es gibt keine leichten Auswege. Alles, was an Lösungsvorschlägen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft entwickelt wird, ist von eben dem Denken und der Logik infiziert, die unsere Probleme hervorgerufen haben. Eine Transformation ist notwendig. Nicht nur eine Transformation des wirtschaftlichen und politischen Systems. Was wir brauchen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution in den Köpfen, vor allem aber in den Herzen der Menschen.

 

WIR: Das WIR-Magazin startet dieses Jahr die Kooperation mit „forum Nachhaltig Wirtschaften“, auf dem Markt existiert es aber schon drei Jahre. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit dieser Zusammenarbeit?

Quarch: Ich meine, dass WIR gerade für Menschen in Verantwortung eine Inspirationsquelle sein kann; und dass wir mit den von uns gestalteten Seiten einen Ton in das „forum“ einbringen, der dort noch fehlt. Denn unsere Idee ist ja, Texte zu schreiben, die nicht nur Informationen vermitteln, sondern die Menschen berühren und sie in ihrer Begeisterungsfähigkeit ansprechen – die alten Griechen nannten dies den „Eros“. Mir geht es um einen „Journalismus des Herzens“ oder einen „beseelten Journalismus“. Deshalb erzähle ich gerne von Menschen, die mit Leidenschaft ihre Projekte verfolgen. Und ich versuche, etwas von dieser Leidenschaft und Begeisterung an unsere Leser zu vermitteln. Ich glaube das ist etwas, das in der ganzen Businesswelt fehlt.

 

WIR: Warum ist dieser Mangel an Leidenschaft ein Problem?

Quarch: Ich sehe, dass immer mehr Menschen in unserem Land unter ihrer Arbeit leiden. Burnout, Depressionen, psychische Erkrankungen nehmen in der Arbeitswelt rasant zu. Aus Gesprächen mit Medizinern höre ich immer wieder, dass das, was diese Menschen krank macht, der Mangel an Sinn ist. Die Menschen wissen nicht mehr warum sie sich eigentlich abrackern. Die Energiequelle „Sinn“ ist ihnen verschlossen. Sie können sich nicht mehr für eine Idee oder eine Vision begeistern. Ihnen fehlt das Feuer, denn wenn man sich nur noch routinemäßig abarbeitet, ohne zu wissen, was einen dazu bewegt, ist man sehr schnell ausgebrannt.

 

WIR: Wie kommt es, dass vielen Menschen der Sinn ihrer Arbeit nicht mehr erkennbar ist?

Quarch: Ich glaube es liegt daran, dass sie in einer seelenlosen Welt arbeiten müssen. Die Businesswelt verführt dazu, sich nur an der Oberfläche zu bewegen. Es ist eine Welt der Informationen und Zahlen, in der Effizienz und Geschwindigkeit als Qualitäten geschätzt werden. Was Unternehmen nach meinem Dafürhalten heute am meisten fehlt, ist Tiefe. Ihnen fehlt eine Ausrichtung an Sinn, an Werten. Das Problem liegt nun aber darin, dass man eine solche Sinn- und Wertorientierung nicht einfach „machen“ kann. Auch wenn andere es behaupten: Es ist nicht möglich, durch Schulung oder Consulting den Menschen Werte anzuerziehen. Um mit der Dimension von Sinn und Wert in Beziehung zu treten, müssen Menschen in ihrer Seele, in ihrem Herzen berührt werden. Unternehmen zu beseelen und zu einem beherzten Handeln zu inspirieren, das ist es, was mir als Philosoph am Herzen liegt.

 

WIR: Und was kann ein Philosoph in der Wirtschaft bewirken?

Quarch: Unternehmen können Philosophen gut gebrauchen, weil sie dabei helfen können, eine fruchtbare „Unternehmenskultur“ zu entwickeln. Genau das aber scheint mir bei vielen Unternehmen dringend geboten zu sein. Schon länger beobachte ich Prozesse der Desidentifikation: Menschen können sich mit ihrer Arbeit nicht mehr identifizieren. Sie haben innerlich gekündigt, machen den Job nur noch, um Geld zu verdienen, bleiben dabei in der Tiefe ihrer Seele aber unbefriedigt. Das für uns alle so lebenswichtige Bedürfnis nach Sinn wird nicht mehr gestillt – was fatal ist, denn außerhalb der Arbeit findet es ebenfalls keine Befriedigung…

 

WIR: … weil Religion nicht mehr diese Sinnstiftung gibt, wie es früher mal der Fall war?

Quarch: Genau. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft und auch die Medien tragen wenig dazu bei, Sinn zu vermitteln. Wir haben eine Unterhaltungs- und Zerstreuungsindustrie, die Menschen nicht inspiriert, sondern gerade davon abbringt, sich über die Fragen ihres Lebens Gedanken zu machen. Da sehe ich ein riesiges Problem. Denn so wird die urmenschliche Sehnsucht nach Sinn immer mehr auf die Arbeit verlagert. Doch in unserer Arbeitswelt gibt es nur wenige Berufe, die es noch ermöglichen, so etwas wie Sinnerfahrung zu machen. Deswegen braucht es in Unternehmen so etwas wie eine gesunde und inspirierende Unternehmenskultur, die es den Beschäftigten ermöglicht, sich mit ihrer Arbeit oder ihrer Firma zu identifizieren – über deren Werte, über deren Klima, über deren Sinnorientierung.

 

„Unternehmen zu beseelen und zu einem beherzten Handeln zu inspirieren, das ist es, was mir als Philosoph am Herzen liegt“

 

WIR: Ist eine gesunde Unternehmenskultur einfach nur schön, oder bringt sie auch ökonomischen Profit?

Quarch: Ich bin davon überzeugt, dass es ohne ein wert- und sinnorientierte Unternehmenskultur künftig nicht mehr gehen wird. Schauen Sie: Hochqualifizierte Arbeitskräfte sind rar gesät. Und schon heute lassen sie oft nicht mehr allein durch monetäre Anreize an ein Unternehmen binden. Kompetente und kreative Leute wollen mehr: Sie wollen sich mit ihrer Arbeit identifizieren können. Sie wollen Ihre Arbeit als sinnvoll erleben. Das erfordert ein günstiges Klima, und dieses Klima immer neu zu erzeugen – das ist die Aufgabe einer guten Unternehmenskultur. Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es so etwas noch. Ein Beispiel: Mein Vater war im mittleren Management bei der Firma Henkel, damals der größte Arbeitgeber im Düsseldorfer Süden. Hätten Sie in der 80er Jahren einen der Beschäftigten gefragt: „Wer sind Sie?“, hätten Sie totsicher die Antwort bekommen: „Ich bin ein Henkelaner.“ Vom Manager bis zum Arbeiter: Alle haben sich total mit ihrer Firma identifiziert! Kein Wunder, denn die Firma hat ihrer Belegschaft damals eine komplette Welt zur Verfügung gestellt: Schwimmbad, Sporthalle, Bibliothek, Kulturprogramm, monatliches Waschmittelpaket. Die Firma war mehr als ein Arbeitgeber. Sie war ein Zuhause.

 

WIR: Warum hat die Unternehmenskultur in Deutschlang sich verändert?

Quarch: In den 1990ern kamen die amerikanischen Managementmethoden. An allem, was nicht unmittelbar Profit abwirft, wurde gespart. Heute findet man in Düsseldorf kaum noch jemanden, der sich als Henkelaner bezeichnet. Da ist kein Feuer, da ist keine Zugehörigkeit mehr in den Leuten. Man macht da seinen Job. Vielleicht kann man mit so einer Belegschaft über zehn oder zwanzig Jahre höhere Rendite erwirtschaften, aber man höhlt gleichzeitig das Unternehmen von innen aus, wenn man nichts dafür tut, dass die Beschäftigten ihre Arbeit als sinnvoll erleben. Deshalb bin ich zutiefst davon überzeugt: Wer Zukunft gewinnen möchte, muss hier und heute sein Augenmerk auf die Unternehmenskultur richten.

 

WIR: Sehen Sie irgendwo positive Beispiele für eine gute Unternehmskultur?

Quarch: Ich kenne nicht sehr viele Unternehmen von innen, aber von einem, für das ich unlängst tätig war, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass dort sehr viel für die Unternehmenskultur getan wird, nämlich dm-Supermarkt. Dort legt die Geschäftsleitung Wert darauf, den Geist des Unternehmens zu pflegen. So überreichte sie anlässlich des vierzigjährigen Firmenjubiläums seinen Mitarbeitern ein eigens konzipiertes, qualitativ hochwertiges und ästhetisches Inspirationsbuch. Diese Geste hat viel bewirkt. Viele Mitarbeiter waren zu Tränen gerührt – weil ihr Unternehmen ihnen mit dem Geschenk Vertrauen und Zutrauen signalisiert hat. Für so ein Unternehmen arbeiten die Menschen gerne, weil sie das Gefühl haben: „Mein Unternehmen schätzt mich.“

 

WIR: Woran messen Sie den Erfolg von Wirtschaft?

Quarch: Der Erfolg des Wirtschaftens bemisst sich an der Wertschöpfung. Allerdings an einer Wertschöpfung, die weit mir als eine reine materielle oder gar monetäre Wertschöpfung. Erfolgreich ist ein Unternehmen, wenn es einen kulturellen Zugewinn erwirtschaftet. Jedes Unternehmen, jeder wirtschaftende Mensch nimmt etwas aus der Welt. Er verbraucht etwas – und es ist seine verdammte Pflicht, dieser Welt dann etwas zurückzugeben und so einen Mehrwert zu erzeugen – einen Mehrwert an Lebendigkeit, an Lebensqualität und ich würde sogar hinzufügen: an Schönheit. Das ist es, was einem Unternehmen wirkliche Wertigkeit verleiht und für mich das entscheidende Kriterium für wirtschaftlichen Erfolg sein sollte. Dafür Bewusstsein zu wecken: das ist es, was mich als Philosophen umtreibt.

 

Über Christoph Quarch

Philosoph aus Leidenschaft. Als Autor, Publizist und Berater greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Unternehmen unterstützt und begleitet er bei der Entwicklung wertorientierter und sinnstiftender Unternehmenskulturen. Vor drei Jahren gründete er mit zwei Kollegen das Magazin „Wir – Menschen im Wandel“. www.christophquarch.de

 

 

 

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