WortexOt

belOng to yourself

Es ist Sommer, der umfunktionierte Mensaraum füllt sich langsam mit Menschen. Ich sitze bereits auf meinem Platz und während mein Sohn sich an meinen Ohrringen zu schaffen macht, blicke ich euphorisch nach vorne. Schließlich bekomme ich heute mein lang ersehntes Abschlusszeugnis. Julia, die Ethnologin. Endlich!!!

Wie habe ich mir diesen Tag herbeigesehnt. Wie fanatisch auf ihn hingearbeitet! Klar, ich hatte eine Vision: Uniabschluss und ab ins Arbeitsleben. Geld verdienen. Dem Sohnemann jeden Wunsch von den Augen ablesen. Welt verbessern. Nebenbei einen Bestseller schreiben. Was man sich halt so als frisch gebackene Absolventin und motivierte Idealistin vorstellt.

Aber irgendwie habe ich diese Rechnung ohne die Arbeitswelt gemacht

Ich naives Schaf.

Heute bin ich schlauer. Was bin ich denn auch so blöde, und träume davon, als Journalistin – noch dazu eine Quereinsteigerin – durchzustarten und damit auch noch Geld zu verdienen?

Was ich nicht wusste – oder es einfach nicht glauben wollte: Journalist*innen arbeiten dafür, damit ihr Name im Heft erscheint. Aus idealistischen Gründen. Für Ruhm und Ehre. Für ein Auf-die-Schulter-Klopfen. Für mehr auch nicht. Arbeit gegen Bezahlung? Da lachen die Chefs – und schieben deine Bewerbung sogleich in den Papierkorb.

Dabei hatte ich zu Beginn meiner aktiven Arbeitssuche schon eine ziemlich gute journalistische Basis aufgebaut. Dachte ich.

Ich habe medienrelevante Seminare besucht, in einer Uni- Zeitschrift als Wissenschaftsjournalistin veröffentlicht, in einem Stadtmagazin als freie Mitarbeiterin angefangen – und sogar einen Platz als Hospitantin beim SWR ergattert. Mit eigenem Aufgabenbereich (TV-Beiträge aussuchen, zusammenschneiden und betexten). Mit diesen praktischen Berufserfahrungen und Arbeitsproben stürzte ich mich hochmotiviert in die Stellensuche. Dachte, „Hey ich lebe ja in einer Medienstadt, ein Was-mit-Medien-Job ist doch allemal drin!“

Dass ich Arbeit suche, die auch bezahlt wird – das war so selbstverständlich, dass ich nicht einmal darüber nachdachte, das zum Kriterium zu machen. Doch was ich seitdem erfahren durfte, gleicht einem schlechten Film. Nur dass dies die bittere Realität ist.

Reaktionen auf meine Initiativbewerbungen

  • „Wir freuen uns sehr, dass sie an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert sind und ja, sehr gerne können sie bei uns über XY schreiben. Aber wir sind eine sehr kleine Redaktion und können ihnen daher kein Honorar zahlen…“ – aus einer Redaktion, die ein Artikel im Umfang von 12.000 Zeichen eingereicht haben möchte.
  • „Wir haben uns sehr über ihre ausgesprochen kreative Bewerbung gefreut. Da haben sie sich richtig Mühe gemacht! …Oh, sie hoffen, dass wir sie im Anschluss an das Praktikum übernehmen? … Wir melden uns bei Ihnen…“ – haben sie nicht.
  • „Wir zahlen pro Seite 20 Euro … freuen uns, wenn sie zum Vorstellungsgespräch nach XY kommen“ – Genau. Liegt ja nur 300 km von meinem Wohnort entfernt.
  • „Schreiben sie uns doch einen Artikel zum Thema XY, Deadline ist in 3 Wochen. Das Auswahlprozedere: Wir suchen uns unter all den Einsendungen (so an die 200) die besten aus (ca. 20) und sagen Ihnen Bescheid, ob ihr Artikel unter den auserwälten ist…“ – Und ich mache da auch noch mit! Und wofür? Für Ruhm und Ehre, Leut‘, für Ruhm und Ehre. Am Ende wurde der Artikel (10-Seiten) nicht ausgewählt.
  • „Wir entscheiden erst, nachdem die vollständigen Artikel bei uns eingegangen sind, ob wir sie nehmen …“

Vorstellungsgespräche in einer Tageszeitung

  • „Sie wollen bei uns als freie Mitarbeiterin arbeiten? Hm, eigentlich können wir Ihnen ja nichts Neues beibringen, unsere Arbeitsprozesse sind ähnlich wie die in Ihrem Stadtmagazin. Trotzdem müssten sie bei uns erst ein Praktikum machen. Vollzeit, 6 Wochen, untengeltlich…“ – Die Begründung, warum ich es eigentlich nicht machen müsste, hat er sogar selbst angebracht! Ich habe mich geweigert. Die Bewerbungsmappe habe ich nie zurückerhalten.
  • „Für diese Branche sind sie eigentlich schon zu alt …“ – Ähm, ich war 29, frisch von der Uni mit Superabschluss und Berufserfahrung, mit Kind zwar aber für den Arbeitgeber war es eigentlich ein Pluspunkt, er hätte nicht befürchten müssen, dass ich direkt nach der Probezeit in Erziehungsurlaub abdüse.

Und dann das Arbeitsamt

Angesichts dieser durchweg negativen Erfahrungen ist es verständlich, dass positiv denken richtig harte Arbeit (geworden) ist. Schließlich musste ich mich an die „Profis“ wenden an jene, deren Arbeit es ist, Arbeit zu vermitteln. Dachte ich.

Auch da ein Gespräch, dass ich bis heute noch verdaue:

  • „Es ist schwierig, Sie zu vermitteln. Sie sind für den Arbeitgeber höchst unattraktiv, so mit einem Kind, dessen Betreuung im Krankheitsfall oder in den Ferienzeiten nicht gesichert ist…“ – Trotz Vollzeitkitaplatz? Trotz meinem sozialen Netzwerk, das ich seit Jahren erfolgreich gesponnen habe und dessen „Funktionieren“ ich während meines Studiums unter Beweis gestellt habe?

Nach diesem Erfahrungsbericht wird vielleicht dem einen oder anderen einleuchten, warum mir zur Zeit für Kundenacquise die nötige Muse fehlt.

Selbstständig – ein Segen? Oder doch ein Fluch?

Selbstständig schien mir als die ideale Lösung zu sein, will frau Arbeit und Familie unter einen Hut bringen. Kein Anwesenheitszwang, flexible Arbeitszeiten … für mich klang das wunderbar.

Doch wenn die Arbeitgeber nicht gewillt sind (da sie es nicht können, oder es einfach nicht wollen, weil man ja genug journalismuswütige, die für ein Äppel und ein Ei arbeiten, findet…), entsprechenden Lohn zu zahlen, und du dir Monat für Monat überlegen musst, ob „es ausreicht“, dann ist es logisch, dass die Folgen Desillusion, Resignation und irgendwann auch Selbstzweifel sind.

Schreiben ist wie Atmen 

Das Einzige, was ich zur Zeit weiß ist: Schreiben ist für mich wie Atmen. Ich kann nicht anders. Wenn die Muse so overwhelming knutscht, bin ihr willenlos ausgeliefert. Zusammen verbringen wir Tag und Nacht, sitzen eng umschlungen und tüfteln an tollen Storys, bis die ersten Sonnenstrahlen uns ins Bett schubsen und die Müdigkeit uns für einen Augenblick auseinander treibt. Danach kann mich mein Mann zwar ausm Bett kratzen, aber ich glückselig, volltrunken – und glücklich.

Also, Muse, Motivation, Durchhaltevermögen, Hard und Soft Skills sind vorhanden. Aber reicht es?

Ähnliche Artikel

One thought on “Selbstständig: Ein Segen und ein Fluch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.