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Wir leben im 21. Jahrhundert. In einer Gesellschaft, die sich stolz damit brüstet, dass zwischen Frauen und Männern Gleichberechtigung herrscht, dass wir alle vor dem Gesetz gleich sind, dass Frauen selbstbestimmt leben und arbeiten können.

Und doch löst sich beim genaueren Hinsehen dieses Gleichberechtigungs-Luftschloss, wie aus Seifenblasen gebaut, auf. Und doch offenbart sich, kratzt frau nur ein bisschen penetranter an der Oberfläche, ein riesiger Knäuel aus Missverständnissen. Veraltete Vorstellungen darüber, wer für Haushalt und für Kinder zuständig ist. Forderungen und Erwartungen, die mann an die Partnerin stellt, die so schlichtweg nicht (mehr) hinnehmbar sind.

Ja, das Thema Gleichberechtigung bei der Aufgabenverteilung im Haushalt und bei der Kinderfürsorge dominiert viele Gespräche in Bekanntenkreisen, auf Spielplätzen, in Mütter-Kind-Spielkreisen (Jup, es sind tatsächlich überwiegend Mütter dort. Persönliche Erfahrung).

Eigentlich schockierend, aber scheinbar ist es wirklich so, dass spätestens wenn aus Paaren tatsächlich Eltern werden, sie – also meist der männliche Part – plötzlich ins Straucheln kommen, wenn’s dann tatsächlich heißt, gleichberechtigter Partner zu sein.

Denn auf einmal klafft die Schlucht zwischen Theorie und Praxis dann doch ziemlich weit auseinander. Mit der Folge, dass am Ende es doch an Frauen ist, zurückzustecken. Wenn das der Stand der Dinge ist, dann sind wir von der Gleichberechtigung, von der wirklichen Gleichberechtigung in unserer aufgeklärten Gesellschaft im 21. Jahrhundert, noch meilenweit entfernt.

Baustellen, Baustellen überall

Tatsache ist: Frauen und Männer werden hier und jetzt, bei uns in der westlichen Gesellschaft, nicht gleichberechtigt behandelt.

Zum Teil sind es strukturelle Benachteiligungen, für die Frauen und Männer persönlich zunächst einmal nichts können.

Wie etwa die Tatsache, dass Frauen bei ähnlicher Qualifikation oder in ähnlichem Job auch heute noch weniger Gehalt bekommen als Männer. Oder dass Frauen oft in Berufen arbeiten, die zwar viel für die humanitäre Seite der Gesellschaft bringen, aber kaum etwas für den eigenen Geldbeutel.

Deswegen sind es immer noch meist die Frauen, die nach dem Kinderkriegen daheim bleiben. Das ist einfache Mathematik. Aus ökonomischen Aspekten logisch, vor Allem wenn man sich ein Eigenheim zugelegt hat und Kredite abbezahlen muss.

Auch wenn Männer und Frauen es also generell wollten, ähnlich viel zu arbeiten und ähnlich viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, entscheiden sie sich aus den obigen Gründen für das klassische Modell – Mann arbeitet Vollzeit, Frau bleibt zu Hause und arbeitet später Teilzeit.

An dieser strukturell bedingten Ungleichheit können wir zunächst einmal nichts ausrichten. Zumindest nicht jetzt gleich sofort. Da müssen wir weiterhin den Finger in die Wunde legen, darauf aufmerksam machen, laut und ungemütlich sein, auf dass die Wirtschaft und die Politik sich unter Druck gesetzt fühlen und diese Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen.

Und dann wäre da die Sache mit der männlichen Denke

Das andere „Problem“, mit dem sich die frischgebackenen Eltern-Paare, und die Gesellschaft generell, auseinandersetzen müssen, ist das eigene Denken, die eigenen Annahmen und Vorstellungen darüber, was man(n) eigentlich mit dem Begriff „Gleichberechtigung“ meint, was Gleichberechtigung überhaupt bedeutet.

Mir kommt es so vor, dass Männer denken: Feminismus sei Dank können unsere Frauen arbeiten gehen. Ja, ja, sollen sie auch tun. Wenn beide arbeiten, das ist gut für das Familienkonto.

Was Männer nicht weiterdenken ist aber auch: Diese Gleichberechtigung betrifft auch die Bereiche Hausarbeit und Kinderfürsorge. Diese müssten dann ebenfalls gleichmäßig auf beide Partner aufgeteilt werden.

Und da werden nicht alle, aber dennoch viele Männer stutzig. Sicherlich gibt es auch solche Paare, bei denen die 50:50- Aufteilung wunderbar funktioniert. Sicherlich gibt es Paare, die wunderbar mit der Rollenverteilung „Er-Hauptverdiener“ und „Sie-Hausfrau/Teilzeit“ leben können. Um diese Paare gehts mir nicht.

Mir geht es um die anderen. Mir geht es um die Paare, bei denen es noch immer zu den Hauptaufgaben der Frau zählt, neben der Arbeit auch noch den Haushalt und die Belange der Kinder zu managen, während der Mann meint, nur weil er Vollzeit arbeiten geht, braucht er sich im Haushalt nicht großartig zu beteiligen.

Männerargumente dekonsturieren

Sobald die Kinder ins Spiel kommen, muss das Paar sich neu sortieren, Aufgaben und Zuständigkeiten neu verteilen, Haushalt wie bisher umwerfen. Oft entdecken die Partner erst da, wie der Andere über die ganze Sache mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf und um Aufgabenverteilung innerhalb der Familie in Wirklichkeit denkt.

Argument: „Wir arbeiten aber Vollzeit!“

Es gibt Männer, die ihre hochgelegten Feierabend-Füße damit wegargumentieren, dass sie doch den ganzen Tag über gearbeitet hätten und jetzt ihren wohlverdienten Feierabend genießen möchten.

Dass die Frau (übrigens die Mutter auch seiner Kinder!) derweil ebenfalls den ganzen Tag lang auf den Beinen ist, womöglich noch Nachtschichten geschoben hat, weil dem Baby ein Pups quer lag, dass sie den ganzen Tag rund um Haushalt, Einkauf, Kochen routiert, Kinder versorgt, herumkutschiert usw. usf. dass dies ebenfalls eine Arbeit ist, wird entweder nicht gesehen, oder wird, noch schlimmer, für selbstverständlich gehalten.

Die Bloggerin Patricia Camarata von das NUF hat in einem ihrer letzten Posts vorgerechnet, wann eine Mutter bei einer 40-Stunden-Woche theoretisch Feierabend hätte, wenn man Haushalt und Care-Arbeit als „normale Arbeitszeit“ ansehen würde. Und Überraschung, sie hätte noch vor der regulären Mittagspause fertig (Um 11:30, zum vollständigen Text geht’s hier lang. Sehr lesenswert, tut es mal.)

Kinder betreuen (ja, auch wenn man sie überaus liebt und es gerne tut) und Haushalt führen ist ebenfalls Arbeit! Aber eben unbezahlt. Und daher nicht gesehen bzw. nicht wertgeschätzt. Wie sich das auf die Frau, auf ihr Selbstverständnis, auf ihr Selbstwertgefühl und auf die Harmonie in der Partnerschaft auswirkt, darüber denken viele Männer leider nicht nach. Und legen somit einen Grundstein für viele Streitgespräche und viel negatives Karma in der Beziehung.

Argument: „Aber meine Mama hat es doch auch geschafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen…“

Dann gibt es auch solche Männer, die nach Feierabend nach Hause kommen, auf ein chaotisches Zuhause antreffen und ihrer Partnerin vorhalten, faul und schlampig zu sein, es „nicht gebacken“ zu kriegen, Kind, Haushalt (und Beruf) unter einen Hut zu kriegen. Und anstatt einfach mal die Ärmel hochzukrempeln und zu sagen, „Schatz, das machen wir jetzt zusammen“, abfällig bemerken: „Was seid ihr Frauen von heute unfähig. Früher bei Muttern sah es nie so aus. Und sie hat ebenfalls gearbeitet.“

Ja, es gibt auch solche Männer. Männer, die ihre Mütter glorifizieren. Männer, die ihren Partnerinnen einerseits den kompletten Haushalt, die Fürsorgearbeit für die Kinder überlassen und zusätzlich von ihnen verlangen, „endlich mal wieder“ arbeiten zu gehen und den Spagat zwischen Familie und Beruf verdammt nochmal hinzukriegen. Wie ihre Mütter.

Diese Sichtweise brachte mich tatsächlich zum Grübeln. Der Vergleich mit den „Vorzeigefrauen“ von damals hat mich verunsichert. War es wirklich so einfach, alles unter einen Hut zu kriegen, wollte ich wissen, und wenn ja, wie haben es denn diese Frauen geschafft, in ihren Söhnen solche Erinnerungen zu manifestieren, dass sie bis heute felsenfest davon überzeugt sind, die Mama ist ne Superwoman, nur er habe das Pech, eine faule Socke geheiratet zu haben?

Es hat mich nicht losgelassen. Diese Mütter – haben sie vielleicht irgendein Geheimnis, irgendein Trick angewandt, mit dem das alles zu managen ein Klacks ist? Und warum hat dieser Trick es nicht bis in unsere Generation geschafft? Oder sind wir Frauen von heute im 21. Jahrhundert wirklich einfach nur so „verweichlicht“ und nicht-mehr-multitaskingfähig und faul?

Also habe ich mich auf die Suche gemacht. Und Frauen aus der Großmütter/Mütter-Generationen vor mir zu ihrem Leben als, zum Teil berufstätige Mutter ausgefragt. Und was ich bisher in Erfahrung gebracht habe, hat mich einerseits verblüfft, andererseits zu einigen „Aha!“- und „Wow, wusste ich nicht!“-Momenten geführt.

Die Vorzeige-(Groß-)Mütter und wie es tatsächlich war

Es stellte sich heraus, dass es nicht stimmt. Es stimmt nicht, dass es „einfach“ war, Kind und Haushalt und Beruf gleichermaßen gerecht zu werden.

Und es stimmt nicht, dass sie alles „allein“ geschafft haben. Bei vielen Gesprächen musste ich immer wieder an das Sprichwort denken: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Denn genauso war es. Diese Frauen hatten ebenfalls Hilfe „von außen“ bekommen. Durch Eltern, Schwiegereltern, Nachbarinnen. Durch nahe und entfernte Verwandte, die just zum Helfen mit ins Haushalt einzogen. Oder das Kind mit sechs Monaten(!) für ein Jahr(!!) zu sich nahmen. Diese Frauen von damals haben vielleicht mehr Zeit in den Haushalt reingesteckt, dafür aber weniger mit ihren Kindern gespielt, und sie weinen lassen … weil ein sauberes Zuhause mehr wog als eine intakte Mutter-Kind-Beziehung. Oder weil der Mann sich vor die Tür setzte, hinter dem das Kind weinte und der Mutter verbot, hineinzugehen und das Kind zu trösten, weil es „eben lernen müsse“, dass es nicht immer seinen Willen durchsetzen kann.

Sie haben ebenfalls Opfer gebracht. Und manche wünschten sich, es anders gemacht zu haben. Sie haben sich selbst komplett zurückgestellt, hatten keine Zeit für Hobbies, wissen womöglich bis heute nicht, wer sie sind außer „Mutter“ und können daher schwer loslassen, diese Rolle, und sorgen sich noch immer (zu sehr) um ihre Söhne, verwöhnen sie, obwohl diese schon längst erwachsen, verheiratet, Väter sind.

Diese Frauen sind wirklich zu bewundern, für ihre innere Stärke, Geduld, und Selbstaufopferung. Doch ihnen nacheifern, sie mir gar als Vorbild nehmen? Das will ich, bei allem Respekt, persönlich nicht.

Natürlich wollen wir Frauen von heute diese Vereinbarkeitsgeschichte schaffen, wollen Kinder haben, aber auch einer Arbeit nachgehen. Doch ohne Hilfe von außen geht es einfach nicht. Und schon gar nicht, wenn der eigene Partner nicht mit im Boot sitzt.

Ein neues Denken muss her, eine kritische Auseinandersetzung mit alten, tradierten Vorstellungen und Erinnerungen an das romantisierte „Damals“. Ein Gespräch mit der eigenen Mutter wäre da zum Beispiel so ein Ansatz und die Frage, „War es wirklich damals so einfach, Familie und Haushalt und Beruf miteinander zu verbinden, Mama?“ Genau da ist aber noch, wie es scheint, viel Arbeit zu tun.

Zum Nachlesen im Netz:

Lust auf mehr wahre Geschichten?

Hier im Blog werde ich sie euch vorstellen. Denn ich habe sie getroffen, und mit ihnen gesprochen. Diese Frauen, von denen Männer träumen. Hier in dieser neuen Rubrik lasse ich sie zu Wort kommen, sie erzählen lassen, wie sie es damals gewuppt hatten, Familie und Beruf. Und vor Allem – zu welchem Preis.

One thought on “„Mutti hat’s doch auch gewuppt.“ Warum die Mär‘ von perfektem Haushalt und Beruf bei Muttern Humbug ist

  1. Danke dir liebste Julia für diesen schönen, ehrlichen und nicht weichgespülten Artikel!
    Ich kämpfe gerade genau gegen diese Dämonen an, die du beschreibst.
    Die der Vergangenheit, die der eigenen Erwartungshaltung und die der Erwartungen des Umfeldes.
    Alles muss laufen… „Mama schafft das“
    Arbeiten, kochen, Hausaufgaben, Windeln, einkaufen, Haus putzen, Kinder beschäftigen und sinnvoll fördern, Nachts putzenn wenn alles schläft weil sonst keine Zeit ist.
    Ach und bitte immer lächeln und gut gelaunt sein, selbst wenn man selbst nur eine Stunde Schlaf bekommen hat. Da bleibt Mama auf der Strecke. KEINE Zeit für Freunde, die schon zu lange geduldig auf eine gemeinsame Tasse Kaffee warten. Keine Zeit um in den Spiegel zu sehen und die graue Strähne zu entdecken. So hat Frau sich das nicht vorgestellt und so funktioniert Gleichberechtigung in der Partnerschaft nicht.
    Danke dir!

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