vom bauen von lufschlössern und vom hängen in der luft. protokoll eines ganzen halben jahres

 

ein halbes jahr.

ein ganzes halbes jahr lang war ich „normal“, führte so etwas wie ein „normales“ leben. mit festem job, geregelten arbeitszeiten, festem einkommen. mit richtigem feierabend und (fast) richtigen wochenenden.

auch wenn so manch eine_r gerade verächtlich schnaubt über angestellten-verhältnisse und von einem leben als freelancer und selbstständige träumt: ein ganzes halbes jahr habe ich es nicht vermisst, nach aufträgen zu suchen, kunden zu acquirieren, den deadlines entgegenzufiebern. ein halbes jahr lang er_lebte ich eine sorgenfreie leichtigkeit des (angestellt-) seins. ein halbes jahr lang war ich entspannt und fühlte mich aufgehoben, so, als wäre ich angekommen in diesem sogenannten (berufs-)leben, von dem die elterngeneration so gerne schwärmt.

 

ein halbes jahr lang 9to5

januar. februar. märz. april.

der neue lebensrhythmus hatte was: ich stehe auf, ich fahre das kind zur kita, ich fahre zur arbeit, ich hole das kitakind wieder ab. dann bin ich daheim, am wuseln mit haushalt- und nachmittagsprogramm. in den abendstunden dann, wenn sohnemann schläft, die „heilsame“ zeit mit mir ganz allein (denn der mann arbeitet ja in einer stadt 400 km entfernt…).

zeit, in der ich mein leben nicht zerdenke (zumindest nicht so sehr).

zeit zum lesen, zeit zum tanzen.

zeit zum sein.

die berufsfrau in mir hatte feierabend.

was für eine ruhe, was für ein luxus!

nicht, dass meine neue arbeit leichte kost war. zuerst einmal: es ist immer noch hohe kunst, als ethnologin in einem bereich anzuheuern, den sozialarbeiter oder -pädagogen eigentlich für sich beanspruchen. denn obacht: menschen als kultur- und sozialwesen zu erforschen gilt eben nicht als „arbeit am menschen“, wie es so schön in der sozialen arbeit heißt. und auch wenn es um flüchtlingsarbeit geht, muss ethnologe zunächst mal den erklärkoffer auspacken und über das wie-weshalb-warum der ethnologie sinnieren. und die legitimation seines/ihres daseins erarbeiten.

nachdem ich diese hürde überwunden hatte, fing der schweinsgalopp an: du hast noch nie unterrichtet? na, dann wirds mal zeit, julia, du kannst doch so gut äh…mit sprache umgehen und bäm! bin ich lehrerin. kaum habe ich mich an meine neue rolle gewöhnt, bäm! darf ich mich schon wieder entwöhnen, das unterrichten den anderen überlassen und stattdessen die unterrichtenden … managen.

ein halbes jahr lang sprang über den eigenen schatten, lernte neues, verwarf altes, erfand mein arbeits-ego neu. (nicht, ohne die anderen um mich herum zu beobachten *fg*)

 

ein halbes jahr lang: das heilige wochenende

am wochenende familienprogramm. allerdings mit dem prädikat „turbo“ und „to go“, denn auch das war das halbe jahr gewesen: wir waren eine familie der etwas zerrissenen art.

genauer: wir waren eine wochenendfamilie, mit genau einem einzigen tag, an dem wir komplett waren – am SAMSTAG.

„mama, ist heute schon freitag?“ gefolgt von einem: „och mensch, ich wünschte, es wäre schon wochenende, dann würde papa schon kommen.“ oder: „schade, dass wir nicht in münchen bleiben können, bei papa.“ fragen des sohnes am dienstag morgen.

aus diesem grund war dieser samstag ein heiligtum. der tag, an dem möglichst alles möglichst gemeinsam ausgeführt werden musste. sich an diesem tag nicht zu zoffen war schon ein meisterstück, denn – samstag halt.

 

heiliges wochenende? der blick durch die brille des anderen

regelmäßigkeit, routine, wochenenden. dieser rhythmus tat richtig gut.

es gab nur ein klitzekleines problem – unsere arbeitsorte waren 400 km voneinander entfernt.

und nimmt man die perspektive meines mannes ein, dann sah die welt schon wieder anders aus.

der gatte führte ein leben in ständiger bewegung: montag bis freitag aufwachen, arbeiten, schlafen. freitag nachmittags grüßt die autobahn. dank des feierabendverkehrs freute man sich schon, wenn er es vor 22 uhr schaffte. vom ausschlafen konnte er ebenfalls nur träumen – wer kleinkinder hat, weiß, wovon ich rede. und darüber hinaus: der sohn will seinen papa sehen. und mit ihm reden. und mit ihm tolle sachen machen. und jetzt erklärt mal dem kind, dass er den papa, den er ohnehin schon die ganze woche über nicht gesehen hat, weiterhin nicht ansprechen darf. freiwillige vor. denn ich mach das nicht.

das wochenendprogramm hatte, nun ja, selten mit rumgammeln auf dem sofa zu tun. denn wir wollten spass, wir wollten was zusammen erleben. wandern, ausflüge, geburtstagsfeiern. wofür die leute normalerweise zweieinhalb bis drei tage zur verfügung hatten, gab es bei uns samstags, von 10 bis 18 uhr. familienleben komprimiert auf einen tag.

und sonntags wieder: autobahn.

das problem bei der ganzen geschichte: autobahnen muss man(n) lieben. zerrissene wochenendfamilien auch. und ebenso vollgepackte samstage. es gibt familien, die ein solches leben toll finden. wir waren es nicht.

es musste sich ändern.

 

münchen vs mainz: das battle

april. mai. juni.

also. gehen oder bleiben? münchen oder mainz?

sich zu entscheiden, war eine schwere geburt.

monatelang haben wir hin und her überlegt, alle pro’s und contra’s gesammelt, folgen und konsequenzen betrachtet, begutachtet und ad acta gelegt.

wenn wir bleiben, dann haben zwar beide einen job und sohnemann ist in einer guten schule untergebracht, aber: wir leben weiterhin getrennt in 2 wohnungen.

wenn wir gehen, dann hat (vorerst) nur einer von uns einen job, dafür aber unbefristet und in festanstellung. und alles andere – des sohnemanns (privat)schule, eine wohnung für 3 personen, eine arbeit für mich – müssen organisiert werden.

aber wir sind an jedem ende des tages stets zusammen.

letztendlich siegte die abenteuerlust. raus aus der komfortzone, rein ins ungewisse.

wir haben uns entschieden, die zelte aufzubrechen und was neues starten.

na gut, die bleibe-version war eben auch nicht gerade rosig: denn ein zerrissenes familienleben, ein wochenendpapa und -mann und unsichere arbeitsbedingungen meinerseits (da befristet und zunehmend familien-unvereinbar) waren einfach keine tolle zukunftsvision.

und na gut, das universum ziegte sich uns ebenfalls wohlgesonnen: die unbefristete festanstellung des gatten und die aussicht auf eine wohnung fühlten sich an wie eine einladung. na los, traut euch, münchen ruft.

unser täglich ... mahlzeit demnächst?

luftschlösser bau

um münchen ranken sich viele mythen und legenden. es gibt viel schönes zu berichten – und tolles.

da wären zum einen die vorteile:

münchen ist freundlich zu den arbeitsuchenden – der arbeitsmarkt soll sehr gut sein. immerhin hat der gatte sofort eine unbefristete festanstellung bekommen. ich bilde mir ein, auch für mich als kulturwissenschaftlerin wird es was geben.

münchen ist eine grOßstadt – ich kann mein faible für großstadtdinge ausleben („einmal latte macchiato to go, bitte!“)

münchen ist grün – innerhalb kurzer zeit klettern wir durch die berge, baden in den seen, suchen pilze (oder beeren) im wald.

münchen liegt einen katzensprung vom hotel mama entfernt – für mich als familienmensch ein ganz großes MUSS. dieser film im kopf machte lust auf mehr.

 

dagegen auf der anderen seite die nachteile:

das geld – münchen ist (seeeeeehr) teuer. wohnungen sind ein vermögen wert. manche arbeiten ausschließlich für die miete. das ist natürlich ein ding. das verursacht auch ordentlich nervenflattern und flaue gefühle im magen.

andererseits, denke ich mir, münchen ist NICHT LEER. es ist eine millionenstadt. da leben menschen. auch familien mit kindern. irgendwie muss es also doch gehen, dort, oder?

lange zeit haben wir diese vielen vorteile gegen das eine nachteil auf die waage gelegt, und überlegt, ob es wirklich gerechtfertigt ist, diesem nachteil so viel gewicht zu verleihen, dass er alle anderen vorteile überwiegt.

ich habe mich dagegen entschieden, habe mich gegen die angst und für die zuversicht. wir werden es schaffen.

 

himmerhoch jauchzend :D

aktueller stand: wir hängen in der luft

juni.

wir haben uns entschieden: münchen solls werden.

ich kündige wohnung, job, sohnemanns schule und fange an zu packen.

trotz der vorfreude auf ein neues leben – die unsicherheitsgefühle im hier und jetzt sind nicht verschwunden, rumoren im kopf und in bauch, verfolgen einen bis in die nacht.

haben wir uns richtig entschieden? was, wenn es doch zu problemen kommt? werden wir es schaffen? denn diese sache mit dem geld ist sehr präsent, leider.

das umsetzen des vorhabens ist nicht so einfach.

wir warten.

wir warten auf die zusagen der schulen. die anmeldefristen sind längst verstrichen, die klassen bereits voll besetzt. welche nimmt uns noch auf?

wir warten auf die antwort des vermieters. kriegen wir die wohnung?

wir hängen in der luft.

aber die wand bleibt hier! so ein pech...

 

was tun? trapezkünstler sein!

juli.

eigentlich ein monat, in dem wir traditionsgemäß in den schwimmbädern, an badeseen oder auf den zahlreichen spielplätzen in der mainzer neustadt herumhängen, leckeres eis vom n’eis schlecken und uns die sonne auf den bauch scheinen lassen.

doch nicht dieses jahr. denn nun ist packen angesagt. nostalgie schleicht sich zwischen die umzugskartons. beinahe 10 jahre lebten wir in dieser bescheidenen 2-zimmer-wohnung, mitten in der neustadt. die lage war super, die wohnung eher nicht. ein hauch von traurigkeit hängt in der luft. immerhin war es unsere erste wohnung, in der wir als familie lebten.

dieses leben nun wird in kisten gepackt.

es blieben nur die wände.

aktueller stand ist:

die wohnung in mainz ist passé.

wir haben keine wohnung in münchen. der vermieter war ein wenig zu euphorisch bei der mieterhöhung. und muss nun jemand anderen suchen.

wir sind wohnungslos. und ich ohne job.

immerhin: die zusage für die schule des sohnemann kam letzte woche. es war unsere wunschschule.

 

ok, fast wie ein trapezkünstler. aber verdammt nah dran...

 

und nu? wir haben zwei möglichkeiten:

wir können uns weiterhin von den gefühlen wie angst und unsicherheit leiten lassen, den kopf zerdenken und der zukunft sorgenvoll entgegenblicken, nach dem mott: werden wir das schaffen? finden wir eine bezahlbare wohnung in der nähe der schule? oder werden wir auf dem schulhof im zelt schlafen müssen? was kostet eigentlich so ein bauwagen?

oder breiten wir, trapezkünstlern gleich, unsere arme aus und fliegen der ungewissen zukunft mit kunstvollen drehungen und saltos entgegen? das letztere klingt ein bisschen verrückt. aber als trapezkünstler weiß ich: egal was passiert, darunter ist ein netz, das fängt mich auf.

ein halbes jahr lang. auch wenn’s schöne seiten hatte, es geht nun zu ende.

wir haben uns nun entschieden. und ich finde das schön.

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