wie eine heilige tanzen – oder so

Sommer 2013. Marokko. Wir waren auf einer Hochzeit eingeladen. Die Stimmung war dementsprechend…feierlich. Der Festsaal perfekt geschmückt, das Brautpaar perfektionistisch zum Kunstwerk drapiert, die Gäste trippelten frohlockend um sie herum und versuchten, ihre grummelnden Bäuche durch ein bisschen Bewegung zu übertönen. Denn das Festmahl beginnt auf marokkanischen Hochzeiten gewöhnlich nicht vor 22 Uhr. Meistens später. Irgendwann stimmten die Musiker ein neues Lied an. Während ich noch gelangweilt an meiner Limo nippte, sagte mein Mann mit einer Kopfbewegung zur Bühne, noch ganz gelassen: „Oh, die wird jetzt nicht mehr mit dem Tanzen aufhören.“ Und schon war der weg, eilte einer tanzenden Frau zu Hilfe. Jetzt fragt ihr euch bestimmt, wieso das denn? Sie tanzt doch. Ja schon. Aber es war kein gewöhnlicher Tanz. Eigentlich tanzte sie unfreiwillig. Sie tanzte sich in Trance.

 

Dieses Erlebnis faszinierte mich, aus vielerlei Gründen. Erstens, weil ich mich mit dem Thema schon während meines Studiums wissenschaftlich auseinandergesetzt habe – zuerst im Rahmen meiner Schamanismus-Studien, später begegneten sie mir wieder in Besessenheitskulten.

Und dann waren da noch eigene Erfahrungen im Spiel.

Ihr kennt sicherlich so ein Szenario: ihr seid in der Disco, steht an der Theke, nippt gelangweilt an eurem Bier, plötzlich spielt der DJ gerade euer absolutes Lieblingslied – so „Bitter End“ von Placebo oder so. Wenn die ersten Takte erklingen, lasst ihr euer Bier Bier sein, stürzt auf die Tanzfläche, und tanzt euch so richtig in Rage. Wenn ihr erstmal drin seid, dann tanzt ihr weiter. Und weiter,. Solange, bis ihr einen Zustand erreicht, der irgendwie eigenartig wird. Befremdlich. Entfremdet. Entrückt.

Dann ist es plötzlich vorbei.

Und ihr steht da. Bei vollem Bewusstsein eurer Sinne. Und denkt euch (vielleicht): „Mann war das geil….doch was zur Hölle war das jetzt eigentlich?“

Mir ging es oft so. Ich ging tanzen, und während mein Körper und Musik ein Zwitterwesen bildeten, stiegen in mir zur gleichen Zeit widersprüchlichste Gefühle auf: Freude, Trauer, Trance, Sorge, Ekstase, Entzücken, Glückseligkeit, (Friede?), Enttäuschung, Sehnsucht.. Nachher wusste ich nie so ganz, wie mir geschah. Irgendwie auch angsteinflössend. Das wollte ich auf mir nicht sitzen lassen. Also befasste ich mich mit dem Thema. Ich recherchierte. Ich tanzte. Ich interviewte. Und ich schrieb alles auf.

Und nun auch hier. Der nachfolgende Artikel erschien in der Zeitschrift Connections – Schamanische Wege (Link zur Ausgabe: HIER)


 

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Der Tanz, der Trancetanz und das Heilige

 

Tanzen ist meine Leidenschaft. War es schon immer, seit ich denken kann. Doch keine Panik, ich fange nicht bei jeder Art von Musik damit an, mich (un-)kontrolliert zu bewegen. Standardtänze lassen mich eher kalt. Dort, so scheint es, ist das oberste Gebot eine perfekte Choreographie aufs Parkett zu legen und eine Trophäe nach der anderen aufs verstaubte Regal zu stellen. Hat sicherlich seinen eigenen Reiz, aber nicht für mich.

Was mich reizt, wo meine Augen leuchten, wo der Körper sich verselbstständigt, das sind die schweren, düsteren, mystischen Rhythmen und Beats der „modernen“ Musik. Rock, Gothik, Trance, auch Pop oder gar Hip Hop. Doch Youtube-Clipchen hier, Disconacht da – manchmal ist es nicht genug. Dann plündere ich mein Erspartes, bezirze einen Kindsitter, verlege die Termine – und tauche ein Wochenende lang in einem Modern Dance-/Contact Improvisation-/ Workshop unter. Um inmitten anderer Tänzer_innen auch eine von ihnen zu werden.

Tanzen hat Suchtpotential. Zumindest bei mir. Es ist wie eine Droge. Ruft ähnliche Zustände hervor, mit all den Etappen, die solch ein Drogentrip mit sich bringt. Nur dass das emotionale Tief ausbleibt. Sicherlich bin ich nicht die einzige, der es so ergeht. Oder??

 

Was ist „TANZ“? Definition

Für die einen ist Tanzen eine sportliche Betätigung mit Wettbewerbscharakter. Bei professionellen Standard- und Lateinamerikanischen Tänzer_innen etwa. Sie nehmen ein hartes Training in Kauf, um ihren Körper zu trimmen und in intensiven Trainingseinheiten eisern ihre Choreographien einzustudieren. Bei Wettbewerben geben sie ihr Bestes, und werden daraufhin mit einem Siegerpokal belohnt.

 

Für andere ist Tanzen eine Kunstform. Schaut man sich die Balletttänzer_innen an – wie sie graziös Pirouette drehen, gefolgt von Grand Jeté und Arabèsque – dann ist man ob der Eleganz und der enormen Körperbeherrschung der Tänzer fasziniert, schüttelt allenfalls den Kopf und fragt sich, wie es möglich sei, sich diese körperliche Anstrengung, die Ballett mit sich bringt, nicht anmerken zu lassen.

 

Mit Tanz verbinden Menschen verschiedenste Lebensbereiche und Gefühle“, sagt die Theologin und Ethnologin Gabriele Koch. Das Interesse und die Begeisterung fürs Tanzen gehe oft mit der Beherrschung des Körpers einher und mit einem intensiveren Körpererleben. Man fühle und erfahre sich selbst als lebendiger, sagt Koch und erklärt, warum es ihrer Meinung nach so ist:

 

Der Tanz realisiert Ausdruck und Begegnung in einer verbal-rational dominierten Welt über den Körper, nicht über den Kopf.“

 

Für uns Menschen, die es gewohnt sind, mit Worten zu kommunizieren, die nicht (mehr) wissen, dass Kommunikation über verschiedene Kanäle erfolgen kann, ist diese Art des Kommunzierens – nämlich über den Körper – eine verlorene Kunst. Und dennoch erinnern wir uns langsam, dass es mal anders war.

 

Tanz als Heilmethode – auch das ist eine Facette des Tanzes in westlichen Gesellschaften. Als Therapiemethode in den 1940er Jahren in den USA entwickelt, gibt es heute „Tanzen auf Rezept“, von Heilpraktikern und Psychotherapeuten angeboten. In der so genannten Integrativen Tanztherapie etwa wird der Tanz und die Bewegung als psychotherapeutisches Medium verwendet, um die psychische und physische Integration des Individuums zu fördern.

 

Eine Sehnsucht, eine Faszination und ihre Ursprünge

 

So viel steht fest: Tanzen war und ist ein menschliches Kulturgut. Und eine Art anthropologische Konstante. Denn es gibt kaum eine Gesellschaft auf der Welt, in deren Kultur keine Tänze existieren.

Warum ist es so?

Warum tanzen wir?

Aus Spass an der Freude? Aus sportlicher Motivation? Oder steckt mehr dahinter?

 

Ob Sportart, Kunstform, Therapie, Teil unserer Feierkultur – der Tanz in unseren westlichen Gesellschaften hat viele Gesichter.

 

Für einige scheint der Tanz allerdings mehr zu sein. Es ist wie ein Lebenselixier, und übt eine mysteriöse Faszinationskraft aus, der man sich nicht entziehen kann. Und will!

 

Mögliche Erklärungen dazu, warum Tanzen fasziniert könnte man erfahren, wenn man in die Menschheitsgeschichte zurückblickt. Dort wird man fündig. In frühen Götterkulten. In den sakralen Ritualen. Dort ist der Tanz geboren.

 

Der Göttertanz in Indien

Schon in den Religionen Indiens taucht der Tanz in alten Götterritualen auf. „Als den großartigsten und gewaltigsten göttlichen Tänzer im hinduistischen Pantheon dürfen wir wohl Shiva nennen“, schreibt der Religionswissenschaftler Ulrich Wössner in seinem Buch „Der Göttertanz in Indien und Griechenland“. Als „Nataraja“, König der Tänzer, erschafft, erhält und zerstört dieser Gott mit seinen bedeutenden Gesten und mit seinem Tanz den Kosmos und die Welt.

 

Griechenland: Vom harmonischen Tanzreigen zu den düsteren Dionysos-Tänzen

Und auch im antiken Griechenland spielte der Tanz bei sakralen Ritualen eine große Rolle. Die Tanzkunst sei zugleich mit der ersten Erschaffung der Welt und im selben Augenblick wie der uralte Gott Eros entstanden, schreibt Wössner.

 

Der Reigen der Sterne, die verschlungene Bewegung der Planeten, ihre taktmäßige Vereinigung und ordnungsvolle Harmonie sind Proben des ursprünglichen Tanzes.“

 

Somit ist der Tanz des Eros einer der „urhaftesten“ aller Göttertänze. Und auch hier wird er in seinen befruchtenden, Leben erschaffenden Aspekten dargestellt

 

Zeichneten sich die Tänze der meisten griechischen Götter durch ihre Harmonie und helle, fröhliche – nie jedoch wild ausufernde – Bewegungen aus, umso verstörender erschienen die Dionysos-Tänze. In Wössners Darstellung begaben sich die Dionysos-Anhängerinnen „mit Hirschkalb- und Rehfellen“ bekleidet zum Gottesdienst. Unter „lärmendem Paukengedröhn und Flötenspiel“ brachte Dionysos sie zum Tanzen. Doch war dieses Tanzen „keine rhythmisch geordnete, gleichmäßige klare Bewegung der Beine, Füße, Arme, Hände, des Kopfes und übrigen Körpers.“ Viel eher war es ein „rasendes, fast schwebendes Schwärmen, Schweifen, Schwingen, Springen und Laufen.“

Die Anhänger, so schien es, gerieten nicht aus eigenem Antrieb in diese dionysische Raserei, sondern waren für einen kurzen Augenblick nicht sie selbst oder gar außer sich. Nach dem Tanz-Gottesdienst machte sich aber keine Verstörung oder Verwirrung ob des eigenen zügellosen Verhaltens breit. Stattdessen, schreibt Wössner, waren die Anhänger „trunken, entzückt, entrückt“ und „des Gottes voll.“

 

Trancetanz und Besessenheit – der Gnawa-Kult in Marokko

Solche Tänze – auch Trancetänze genannt – die in diversen ethnographischen Quellen zahlreich und detailreich beschrieben wurden, gab es nicht nur in der Vergangenheit. Sie finden sich auch heute noch in verschiedenen Gesellschaften auf der ganzen Welt.

 

Ein Beispiel aus einer islamisch geprägten Gesellschaft etwa ist der Gnawa-Kult in Marokko. Ursprünglich mit dem Sklavenhandel im 16. Jahrhundert aus dem Sudan, Mali oder Nigeria nach Nordafrika gekommen, etablierte sich der Gnawa-Kult zu einer spirituell-islamischen Subkultur.

 

Die Gnawa-Anhänger glauben an Geisterbesessenheit. Während der „lila“-Zeremonie suchen die Besessenen gezielt Kontakt zu „ihrem“ Geist – um ihn dazu zu bewegen, von einem abzulassen.

 

Durch Musik und Tanz in Trance versetzt, öffnet sich, so der Glaube, eine Pforte, der Geist gelangt in den Körper des Tänzers. Auf diese Weise kann der Mensch mit diesem Geist in Kommunikation treten und um Heilung bitten. Doch der Geist macht sich erst bei einem bestimmten musikalischen Rhythmus bemerkbar, nämlich dann, wenn der Musiker „sein persönliches“ Lied spielt. Und erst, wenn der Tanzende auf die Tanzfläche kommt und zu tanzen beginnt, ist der Kontakt zum Geist hergestellt.

 

Die Sufis

Ein weiteres bekanntes Beispiel, Gott näher zu kommen, ist der Tanz der Derwische, oder auch Sufis. Stundenlang drehen sie sich im Kreis, mit dem klaren ziel: Sie wollen den Zustand erreichen, den sie als „Verschmelzung mit ihrem Gott“ bezeichnen. Die Trance.

 

Ambivalentes Verhalten gegenüber „Trance“-Tanz

Obwohl die Tänze der Derwische heute mehr den Entertainmentcharakter haben (sie werden etwa auf kulturellen, folkloristischen Veranstaltungen aufgeführt), obwohl die Gnawa-Musiker seit den 1960er Jahre „Popstar“-Status genießen und ihre Musik internationale Popularität erlangte, sind die Reaktionen auf trancetanzende Menschen oder trancetanz-induzierte Musik eher verhalten, wenn nicht gar ablehnend.

 

So werden die Gnawa-Musiker in Marokko zwar wie Popstars gefeiert – die Tatsache jedoch, dass sie Musik spielen, die ihre Ursprünge aus einem Besessenheitskult ist, wird in der Öffentlichkeit lieber nicht thematisiert. (Ist zumindest meine Erfahrung und daher meine Meinung.)

 

Eine mögliche Erklärung hierfür liefert die Ethnologin Ulrike Krasberg in ihrem Buch „Die Ekstasetänzerinnen von Sidi Mustafa“. Sie schreibt: Die Trance selbst ist das Problem. Das Ekstatische. Sie erzählt die biblische Geschichte vom König David. Darin tanzte David zu Ehren seines Herrn, und tat dies mit solcher Inbrunst, dass er sich dabei die Kleider vom Leib riss.

Das Unerhörte dabei: er tat dies vor einer Menschenmenge!

 

Eben genau solch ein nicht-konformes Verhalten wird von denen, die den Weg der Mystik gehen wollen, erwartet, so Krasberg :

Im Ekstase-Tanz geht es eben darum, dass man sich beim Tanzen Gott zuwendet, ohne Rücksicht auf gesellschaftlich angemessenes Verhalten.“

 

Die ESSENZ? Tanzen bis das Paradies kommt…

Was genau passiert nun eigentlich während des Trancetanzes?

 

Während des Tanzens verfließen die Grenzen von Leib und Seele“, fand der Musikethnologe Curt Sachs. „Der Leib wird von der Ekstase überwunden, wird zur Schale für übermenschliche Seelenkraft. Die Seele gewinnt, befreit von Leib, Glück und Gottesfreude.“

 

In diesem Zustand, im Zustand der Ekstase, sei der Mensch in der Lage, eine Brücke zum Jenseits zu schlagen, formuiert Sachs. So gesehen ist der Tanz eine Art Gottessuche.

 

Ähnlich bei Krasberg: Es scheint, schreibt sie, dass der Tanz – diese körperliche rhythmische Bewegung – ein Erleben des Menschseins außerhalb seiner leiblichen Hülle ermöglicht.

Der Trancetanz macht mich vergessen, dass ich einen materiellen, physischen Körper habe. Und so tauche „ich“ ins Glückselige.

Religionen nennen es dann jeder so wie er will: Paradies, Brahmann, Nirvana.

 

Trance? Ekstase? – Definitionschaos, wie immer

Durch Tanzen, durch körperliche Bewegung also, durchschreiten wir Menschen eine unsichtbare Pforte. Dann ist von einem veränderten Bewusstseinszustand die Rede. Dieser Zustand wird mal Trance, mal Ekstase genannt. Was nun was ist, und worin der Unterschied besteht, das weiß keiner so genau. Oft werden die Begriffe als Synonyme angewandt.

Brockenhaus schreibt hierzu:

‚Ekstase‘ ist der Zustand einer religiösen Verzückung oder Entrückung. In diesem Zustand sei der Mensch nicht Herr über sein normales Bewusstsein, handle im Affekt, sei stark erregt.

Induziert werde die Ekstase (wenn er nicht spontan auftrete) durch Askese, Musik, Drogen – oder eben durch den Tanz.

 

Auch während der ‚Trance‘ sei der Mensch in einer veränderten Bewusstseinslage. Ein Anzeichen der Trance ist ebenfalls ein Bewusstsein, das sich der Kontrolle durch den Betroffenen entzieht.

Der Mensch gerate in einen schlafähnlichen Zustand, verliere teilweise das Ich-Bewusstsein.

 

Es gibt Stimmen, die für eine scharfe Trennung der beiden Begriffe plädieren. Andere sind der Ansicht, dass beide Zustände ineinander überfließen, eine Trennung daher unmöglich sei. Beobachtungen von Tänzen und Tänzern lassen jedoch darauf schließen, dass der Tanzende über den Tanz zunächst in die Trance und danach in den Ekstase- Zustand gelangt.

 

Es scheint, dass regelmäßige, rhythmische Bewegungen zu monotoner Musik den Tanzenden in Trance versetzen. Gleichmäßige Bewegungen, Konzentration auf die physische und akustische Monotonie blenden alle anderen Reize aus – das ist die Trance. Nach einer Weile folgt der nächste Schritt – die Ekstase. So oder so – es ist ein Rhythmus, der den Körper zwingt, sich zu bewegen, und es ist Bewegung, die Pforten öffnet – zum Ursprung, zum Wissen. Es ist ein heiliger Rhythmus, der uns das Heilige eröffnet.

 

Der sakrale Tanz oder: Sakralität im Tanz

Göttertänze im alten Indien, ekstatische Tänze des Dionysos im antiken Griechenlands, die „Ekstase“-Tänze der Sufi-Derwische, die Besessenheitstänze der Gnawa-Anhänger – der Tanz ist ein Phänomen, das früher stets in religiösen Kulten auftauchte. Ist es nun Zufall oder steckt hinter dieser Verbindung Musik – Körper – Bewegung – Sakralität mehr dahinter?

 

Während der Musik nimmt der ganze Körper nach und nach Anteil am Rhythmus und gerät in Bewegung“, erklärte Curt Sachs. Gerade dies sei das Charakteristische am Trancetanz – die Stellung aller Körperteile in den Dienst des Taktes.

 

Dabei sind die Bewegungen des ekstatischen Trancetänzers oft alles andere als ästhetisch. Das sollen sie auch nicht sein, betonte Ulrike Krasberg.

Der Trancetanz diene nicht der ästhetischen Erbauung der Zuschauer. Im Gegenteil, er sei sogar abgewandt von den Zuschauern. Der Tanzende tanzt nicht für ein Publikum, sondern für sich selbst.

Gerade diese ganz persönlichen, spontan entstandenen Bewegungen und die Ungehemmtheit, welche die Trancetänzer an den Tag legen, berührt aber nicht nur die Tänzer selbst, sondern auch jene, die den Tänzern lediglich zuschauen. Sie fühlen sich auf eine ganz elementare – ja somatische!- Weise in das Geschehen miteinbezogen.

 

Was soll denn das Theater? Religiosiät und Kunst. Durch Körper Religiosität erfahren.

Eben diese magische Macht – nämlich durch körperlichen Einsatz bei sich und bei anderen Menschen Gefühle der Religiosität und Sakralität auszulösen – hat das moderne Theater wieder neu entdeckt. Im modernen Theater werden Formen religiöser und theatraler Kunst auf die Bühne gebracht. Meist auf schockierende Weise – ich sag nur: Performance…

Eben diese Schockwirkung, so Krasberg, lässt beim Zuschauer Sakralität erkennen/erfahren. Ein Pionier auf dem Gebiet ist Jerzy Grotowski. Seine Arbeit mit seinen Schauspielschülern bestand darin, dass sie lernen – durch physische Übungen – seelische Prozesse sichtbar zu machen. Grotowski geht bei diesem Arbeitsansatz auf den Ritus zurück, genauer, auf die Kraft des Ritus, die zugleich religiös und profan ist. Eben „sakral“.

 

Diese Sakralität ist nur durch den menschlichen Körper als Ganzem erfahrbar, in der Vereinigung von Geist und Seele.

 

Schamanen im zeitgenössischen Tanz

Mittlerweile gibt es auch Trancetanz-Kurse. für jeden interessierten Laien, in jeder größeren Stadt zu finden.

 

Mit Renate Schilling, einer Trancetanz-Anleiterin hatte ich das Vergnügen, ein Interview zu führen. Seit Mitte der 1990er Jahre gibt sie Trancetanzseminare in Kombination mit Ritualen und Übungen zur Selbsterfahrung (Raum Mainz-Wiesbaden).

 

Trancetanz öffnet das Tor zu erweiterten, ganzheitlichen Bewusstseinszuständen“ erklärt sie.

Dabei bezieht sie sich insbesondere auf Gabrielle Roth, eine amerikanische Tänzerin und Begründerin der „The Wave“. Roth war übrigens diejenige, die als erste ekstatische (schamanische!) Tanzelemente in den modernen zeitgenössischen Tanz integrierte.

Ein Beispiel dafür, wie so ein Trancetanz aussehen kann, könnt ihr hier schauen. Und ich werde nicht müde zu betonen: Schauen ohne vorgefasste Meinungen dazu zu haben, hilft einem, ungemein, etwas zu lernen…

 

Im Tanz wohnt eine enorme heilige – und heilende – Macht inne

Durch körperlichen Einsatz werden also Gefühle von Heiligkeit erzeugt, Sakralität erlebt.

Dieses Wissen ist größtenteils verloren gegangen.

Daher sitzen die Menschen im Theater, schauen sich das Spektakel an, auch Tänze, rotzen Taschentücher voll und fragen sich womöglich „Nanu. Das war sooo schön. Aber warum habe ich nur geweint?…“

Oder sie zappeln stundenlang in Discotheken herum, gehen dann mit tauben Ohren heim und brüllen dem Freund/der Freundin „Boah war das n geiler Abend“ – ohne sich großartig Gedanken zu machen.

All jene, die sich vielleicht doch Gedanken machen und sich fragen, warum ist etwas so wie es ist, hier hoffe ich ein paar Erklärungsansätze aufgezeigt zu haben.

 

Zum Schluss was Persönliches

In unserer Gesellschaft dominiert stets der Geist über den Körper.

Wenn ich aber tanze, übernimmt der Körper das Kommando. Irgendwann ist der Zustand erreicht, dann tanze nicht ich – sondern ich werde getanzt. Und alles andere ist egal. Durch Bewegung im Takt der Musik schwingt der Körper mit, er wird zur Musik. Eine harmonische Verbindung von mir, und Allem um mich herum entsteht. Ich werde eins mit meiner Umwelt. Ich spüre einen Sinn (Lebenssinn?).

 

Ich frage sogar nicht – wo bin ich dann? Im Paradies? Im Nirvana? Wo höre ich auf, wo beginnt diese andere Existenz?

Ich glaube, es ist viel schlichter, ja gar unspektakulärer. Ich glaube, ich bin dann einfach im HIER und JETZT. Das Paradies – das ist der AUGENBLICK.

Und: Im Tanz erinnert sich meine Seele an den glückseligen Zustand, der sich im Alltag leider viel zu selten sehen lässt. Das Schöne daran ist – es ist der Leib selbst, der dazu beiträgt, sich dieser Wahrheit zu erinnern. Mein Körper hat eine Erinnerung an seine sakrale Bedeutung. Und wenn ich mein Körper bin – dann bin ich eine Heilige. Eine Schande, das dies im Laufe unserer Kulturgeschichte verloren ging.

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