Buch

Demokratische Bienen (oder die
Mär‘ von der Bienendiktatur)

Dass die Bienenkönigin eine
(über-)lebenswichtige Rolle im Bienenstock hat, das ist unter
Insektenkundlern schon lange bekannt. Sie als einzige ist in der
Lage, für Nachwuchs zu sorgen und erhält somit das Bienenvolk am
Leben. In einer Diktatur leben die Bienen aus diesem Grund aber noch
lange nicht.

Die Bienenkönigin und ihr Volk: Lange Zeit zogen wir aus dem Verhalten
der Bienen falsche Schlüsse, als wir ihre Sozialstruktur auf die der
Menschen übertrugen und sie mit einem Matriarchat, sogar mit einer
Diktatur verglichen.

Wir lagen falsch, sagt der amerikanische Bienenforscher Thomas D. Seeley nun in
seinem Buch „Bienendemokratie. Wie Bienen kollektiv entscheiden und
was wir davon lernen können“. Die Vorstellung, so Seeley, das
Bienenvolk werde von einer wohlwollenden Diktatorin regiert, geht
bereits auf Aristoteles zurück, doch sie ist falsch. Vielmehr ist
das Gegenteil der Fall, so der Verhaltensforscher und Neurobiologe.
Steht eine Entscheidung bevor – etwa der bevorstehende Umzug aus
dem alten Bienennest zu einem neuen Nistplatz – so entpuppen sich
Bienen als wahre Demokratinnen.

Spätestens seit den ersten Untersuchungen des deutschen Professors Martin
Lindauer zu wohnungssuchenden Bienen in den 1950er Jahren offenbart
sich ein neues Bild von diesen ohnehin schon sozialen Insekten: Die
Suche nach einem geeigneten Wohnort ist ein komplizierter Vorgang an
dem mehrere Hundert Bienen beteiligt sind. Nachdem mehrere
Kundschafterinnen geeignete Nistplätze ausgesucht haben, teilen sie
ihre Informationen mit den restlichen Bienen mit, dabei versuchen
sie, so viele ihrer Bienenschwestern wie möglich von der Qualität
„ihres“ Nistplatzes zu überzeugen. Diese anregende „Diskussion“
dauert oft mehrere Tage. Em Ende, so die Beobachtungen Seeleys, wird
jedoch (beinahe) einheitlich eine Entscheidung zugunsten eines der
vorgeschlagenen Wohnorte gefällt.

Von diesem „Superorganismus“ könnten wir Menschen noch einiges lernen, so
die Schlussfolgerung des Verhaltensforschers. Doch so neu sind seine
Empfehlungen nicht – wenn er etwa dafür plädiert, die Gruppe der
Entscheidungsträger aus Individuen mit gemeinsamen Interessen und
gegenseitigem Respekt zusammenzustellen oder darauf zu achten, den
Einfluss des Anführers auf das Denken der Gruppe so gering wie
möglich zu halten. Im Idealfall funktioniert Demokratie unter
Menschen genau auf diese Weise schon.

Was wir allerdings von den Bienen lernen könnten – oder eher, sich
wieder daran erinnern – ist es, dass zum Erreichen von Zielen, die
der Gemeinschaft dienen, es oft von Nutzen ist, die eigenen
Interessen auch mal nach hinten zu stellen.

Thomas D. Seeley. Bienendemokratie. Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können. S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014.

Schöne, „grüne“
(Lügen-)Welt?

Dass unsere Lebensweise der Umwelt massiv schadet, dass immer mehr
Umweltkatastrophen von menschen Hand gemacht sind -darüber sind sich
die meisten mittlerweile einig. Wir brauchen eine Wende, sagen die
Politiker und meinen: Energiewende und verabschieden „grüne“ Gesetze zur Co2-Reduzierung. Die Industrie tüftelt derweil an „grünen“ Technologien, liefert Ökostrom aus dem Windrad, baut elektrische Autos. Das Signal ist klar: Wir tun was, der Umwelt zuliebe!

Alles Lügen, konstatiert der Umweltwissenschaftler Friedrich Schmidt-Bleek. In
seinem populärwissenschaftlichen Buch „Grüne Lügen- Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft – wie Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richten“ geht er mit der aktuellen Umweltpolitik hart ins Gericht und legt schonungslos dar, wie naiv und oberflächlich unser Glaube in deren „grüne“ Versprechen doch ist. „Für
jedes
Produkt, das wir verwenden, wird bei seiner Herstellung eine bestimmte Menge an Natur verbraucht“ sagt Schmidt-Bleek, für die Herstellung einer Jeans etwa werden etwa 35 Kilogramm an natürlichen Ressourcen verbraucht, für ein
Smartphone sogar doppelt so viel. In der Öffentlichkeit wird dieser Materialverschleiß, der ebenfalls Ökosysteme zerstört in Politik und Industrien kaum erwähnt.

Was wir brauchen, ist nicht nur eine Energiewende, sondern eine Ressourcenwende, findet der Wissenschaftler. Wir müssen mit den begrenzten Rohstoffen schonend umgehen. Mit anderen Worten: Der Umweltschutz sollte bei allen politischen Entscheidungen eigentlich die höchste Priorität haben. Eigentlich.

Doch leider schaut das Worst-Case-Szenario in der Politik anders aus, so der Öko-Pionier. Und das ist die Angst vor „Wachstumshindernissen“, die ökologische Gesetze zwingend nach sich ziehen würden. Und Wirtschaftswachstum muss sein. Denn: unseren wirtschaftlichen Erfolg messen wir immer noch an einer wachsenden Zahl von produzierten Gütern.

Dass die hierfür benötigten Rohstoffe begrenzt sind, dass dieses Wirtschaftsmodell von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, dass ein Umdenken stattfinden muss, liegt eigentlich klar auf der Hand. Eigentlich. „Wir sind Gefangene einer Zivilisation, die uns zwingt, die Umwelt zu zerstören, um Erfolg zu haben“ schlussfolgert Schmidt-Bleek.

Dabei gäbe es bereits Lösungsansätze: Die Wirtschaft dematerialisieren, die Wegwerfgesellschaft durch eine „Wirtschaft der Erhaltung und Wiederverwertung von Gütern“ ersetzen, den Verbrauch natürlicher Ressourcen zu besteuern.

Um solche Veränderungen herbeizuführen, müssten jedoch alle an einem
Strang ziehen, dessen ist sich der Öko-Pionier bewusst. Eine Alternative, wollen wir nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Umwelt hinterlassen, gibt es einfach nicht. Denn wie es der
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon treffend formulierte: „Man
kann mit dem Iran verhandeln. Mit der Natur kann man es nicht.“

 

Friedrich Schmidt-Bleek. „Grüne Lügen. Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft – wie Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richten. Ludwig Verlag, Münche

Unterschätzte Philosophinnen

Mütteralltag und Philosophie passen nicht zusammen? Von wegen!

Mit ihrem Buch „Das Brei und das Nichts. Der völlig
überschätzte philosophische Alltag der Mütter“ verweisen die
Autorinnen Monika Bittl und Silke Meyer dieses Vorurteil ins Reich
der Ammenmärchen.

Wer schon mal von Angesicht zu Angesicht mit einem Kind im Raum
verbrachte, weiß: um philosophische Fragen kommt man da kaum herum.
Wieso gibt es böse Menschen? Warum darf ich den Leon nicht hauen?
Woher weißt du, dass es den lieben Gott gibt?

Ausgehend von Fragen der Kinder, in Alltagssituationen
aufgeschnappt, blicken die Autorinnen auf die großen philosophischen
Persönlichkeiten – Platon, Jean-Jaques Rousseau oder Simone de
Beauvoir – und lassen keinen Zweifel offen: Philosophie gehört zum
Eltern-Alltag, wie der Wackelzahn zum Schulkind.

So manche philosophische Meinung, welche die subjektiven
Einstellungen der Autorinnen widerspiegelt muss zwar hinterfragt
werden, bei den meisten Geschichten aber wird sich jede Mutter –
und auch Vater! – früher oder später wiederfinden.

 

Monika Bittl, Silke Neumayer . „Das Brei und das Nichts. Der völlig unterschätzte
philosophische Alltag der Mütter“

Musik

Xiu Xiu. „Angel Guts“

Mutprobe, Folter, Exorzismus ? Nein: Xiu Xiu singt wieder

Machen wir uns nix vor: wer sich Xiu Xiu holt und danach mit blutenden Ohren dasitzt, ist doch selber Schuld. Seit mittlerweile knapp 15 Jahren beschert der musikalische Folterknecht Jamie Stewart uns Klangwelten, wie wir sie nie gehört haben – und vielleicht auch nie hören wollten.

Mag der Titel des neuen Albums „Angel Guts“ (der Name ist übrigens einem Genre japanischer Pornofilme entnommen) die Xiu Xiu – Unerfahrenen vorerst in Sicherheit wiegen, die hartgesottenen Fans wissen bereits: der Schein trügt.

In der Tat könnte die Beschallung mit den 14 Titeln genauso gut als Mutprobe für gewitzte Studentenverbindung-Anwärter, als Folterinstrumentarium für redeunwillige Spione oder schlicht als Exorzismus herhalten. Die Playlist ist wie eigens für diese Zwecke aufgebaut:

Der erste Song „Angel Guts“ ist noch scheinbar unscheinbar – man hört sphärische Klänge, Windhauch im Hintergrund, gefolgt von einem abrupten „Ende“, das keines ist (bei Minute 1:20, obwohl der das Windgeräusch noch bis 3:30 weiterweht). Der Wille ist noch ungebrochen.

Dass die ganze Geschichte eine bedrohliche Wendung annehmen wird, oder könnte, beginnt der Hörer bereits im nächsten Lied „Archie’s Fades“ zu ahnen, dank gothisch mystischer Synthesitzerklänge und Stewarts Gesangskünsten. Wobei von „singen“ hier eigentlich keine Rede sein kann. Singen – also Melodie, verbunden mit Harmonie oder zumindest Rhythmus und Takt – sucht man bei Xiu Xiu vergebens. Heulen würde es vielleicht eher treffen. Oder jammern. Oder jaulen.

Bei „Stupid in the Dark“ haben dann beide Angst – Hörer wie Sänger. Anders ist die Stimme des Wimmer-Meisters nicht zu deuten. Der Hörer fängt der weil an, ungemütlich auf dem Stuhl hin und herzurutschen.

Und so geht es dann auch weiter: Er flüstert, haucht, plärrt und jault sich durch die Songs hindurch. Unterstützt durch elektronische Klangtunnele, die beklemmende Gefühle auslösen (etwa bei „Lawrence Liquors“, „New Life Immigration“).

In weiteren Liedern muss man immer wieder den Impuls unterdrücken, mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen („El Naco“ ), Vegetarier zu werden, weil man quietschende Schweine im Todeskampf zu hören glaubt („Adult Friends“) oder schreiend die Ohren für immer und ewig mit Wachs zu verschließen („A Knife in the Sund“).

Und schließlich „Cyntia’s Unisex“: Xiu Xiu singt, pardon, wispert, haucht, oder brüllt seine Emotionen heraus. Du bittest, flehst die Lautsprecher an, willst das Zeitliche segnen. Dann ist Ruhe, du denkst es ist vorbei. Und plötzlich Stimmen, die sich anhören, als rede der Wahrhaftige mit dir. Spätestens da bist du bereit, alles zuzugeben und all deine Sünden zu gestehen, auch wenn du gar keine begangen hast. Nachher ist man desorientiert, verschwitzt, geläutert (?) und schlichtweg erleichtert, dass es vorbei ist.

Eines vorweg: Xiu Xiu ist nichts für Blümchensex-Musikliebhaber. Wer dies wünscht und Xiu Xiu wählt, der hat entweder heimlich einen SM-Fetisch oder einfach keine Ahnung.

Aber die Sadomasochisten unter euch kommen jedenfalls voll auf ihre Kosten. Ruhig angesprochen dürfen sich all jene fühlen, die mit ihrem Bier bevorzugt direkt vor den Lautsprecherboxen herumlungern, und ihre Ohrtrommeln dermaßen penetrieren, dass diese am Schluss schlaff und blutverkrustet aus den Ohren heraushängen.

Aber war es nicht immer so? Schließlich „singt“ sich Jamie Stewarts bereits seit Jahren durch die Musik-Geschichte durch, und findet auch immer wieder mutwillige Kollegen, die sich auf sein Projekt einlassen. Seiner Interpretation von „Musik machen“ steht offenbar nichts im Wege.

Ballett

Licht an! Delattres „Dunkelheit des Lichts“

Licht ist das Gegenteil von Dunkelheit, doch ohne Dunkelheit gäbe es kein Licht.

Im aktuellen Programm in den Mainzer Kammerspielen unternimmt die Dance Company um den Ballettchoreographen Stéphen Delattre kreative Wege, dieses Paradoxon zu beleuchten.

Nachdem er in seinem letzten Projekt „Momo“ einen Ausflug in das Handlungsballett machte, kehrt der Mainzer Ballettchoreograph zu den Wurzeln zurück: in seinem Programm „Die Dunkelheit des Lichts“ serviert er modernes zeitgenössisches Ballett in kleinen Häppchen.

Ist der Tod im Diesseits eine Geburt im Jenseits?

Schatten ist Dunkelheit ist gleich Tod. Doch ist der Tod das Ende, oder erwartet uns doch ein neues Leben in einem Jenseits?

Diese grundphilosophische Frage – was ist Leben (gleich Licht) und was ist der Tod (gleich Dunkelheit) – ist eine Menschheitsfrage. Dies ist auch das Thema in seinen ausgewählten Stücken an diesem Abend, wie etwa im ersten Tanzstück mit dem passenden Titel „The Light from the other Side“.

Die Tänzer_innen machen einen Ausflug ins Insektenreich, sie werden Fliegen, werden Spinne. Ein Kampf um Leben und Tod entflammt. Unbarmherzig verführerisch tanzt die Spinnenfrau Maeva Lassere, die erst 2013 zum Ensemble hinzustieß, um ihre flatterhaften Opfer. Sie betört sie, sie verstört und beraubt sie letzendlich des lebenswichtigen Odems. Nach und nach entschwinden die „Fliegen“ ins Jenseits. Doch sind sie wirklich gestorben? Plötzlich erscheinen sie wieder, auf einer Leinwand und locken ihre einsam zurückgebliebene Freundin, ihnen zu folgen. Die Spinne beschwört den ewigen Kreislauf von Leben und Tod, sie tötet, sie gebiert, und wird von ihrem Nachwuchs ins dunkle (?) Jenseits befördert.

 

Selbes Thema in „Seven Images from the Dark Land“. Diesmal hatte die Choreographin Regina van Berkel ihre künstlerischen Finger im Spiel. Der Anfang ist düster, die Bühne in Schwarzlicht gehüllt. Mit Licht und Musik beginnt allerdings das bunte Treiben. Das Stück sticht hervor durch das Groteske, das Possenhafte. Nichts ist wie erwartet. Die Kostüme erinnern an eine barocke Gesellschaft – Spitze, Satin, Puffärmel, die Kleidung ist hochgeschlossen – trotz eines Decolltées. Der Bruch beginnt unterhalb Taille, wir sehen nackte Beine. Die Musik kommt aus der Feder des amerikanischen Avantgarde-Komponisten George Crumb, der aus elektrischen Geigen, Kristallgläsern und Tam Tams-Gongs eine recht gewöhnungsbedürftige Klangcollage auferstehen lässt. Chapeau. Das Unerhörte ist im wahrsten Sinne des Wortes unerhört: die Tänzer begnügen sich nicht damit, ihre Gefühle einzig und allein im Tanz auszudrücken, nein – sie keuchen, krächzen, und stöhnen während sie sie springen, sich drehen, und zu Boden gehen. Sie liegen, sie tanzen liegend, sie sind eine amorphe Einheit und fallen in Einzelindividuen auseinander. Sie werden zu zahnlosen Alte, sie werden Tote. Und doch tanzen sie weiter. Es ist ein Untotentanz. Ist die Angst vorm Sterben, vor der Dunkelheit danach so groß, dass sie einem „Leben“, egal auf welche Art und Weise, vorgezogen wird?

Die Dunkelheit ist doch nichts anderes als die andere Seite des Lichts

Liebe und Angst, Leben und Tod, Licht und Dunkelheit – ohne das eine gibt es das andere nicht. Diese grundphilosophische Auseinandersetzung stimmt nachdenklich, das Paradoxie mag einen in düstere Verzweiflung treiben. Oder einen lichten Geistesblitz bescheren.

Delattre sorgt für Ausgewogenheit, streut zwischen melancholischen, teils düster erscheinenden Stücken auch heitere, federleichte Tanzeinlagen, kleine Lichtblicke dazwischen, wie den amüsanten Tanz „Ring them Bells“ des Choreographen Marco Goecke.

Das Paradoxe, das eigentlich Unvereinbare, das Dunkle und gleichzeitig Helle – an diesem Ballettabend es ist stets präsent. Nicht nur in der Choreographie, sondern auch in Kostümen, in der Musik oder im Bühnenbild. Dennoch ist die Grundstimmung am Ende des Ballettabends keine widersprüchliche, sondern wie ein Lichtblick am Ende des grauen Alltags. „In unserer Welt existiert Licht und Dunkelheit im Einklang miteinander“ ist die Erkenntnis des Abends. Der Zuschauer geht nach Hause, in die Dunkelheit der Nacht doch erleuchtet.